RIN Energieeffizienz Ruhr

Das Bild zeigt Christa Reicher vor einem Gebietsaufriss, wie ihn Stadtplaner verwenden.
Ein ganzes Quartier energieeffizient umzubauen, das kann zu großen Innovationen führen – wenn es gelingt, Kooperation auf Dauer zu stellen. Professorin Christa Reicher ist eine der Schlüsselfiguren des Regionalen Innovationsnetzwerks „Energieeffizienz Ruhr“, das in Mülheim-Heißen genau das versucht. (Foto: MIWF)

Mülheim-Heißen, ein Quartier mitten im Pott: 21.000 Menschen sind hier Zuhause. Sie leben in Gründerzeithäusern und Nachkriegsbauten, in modernen Wohnwürfeln und hinter Fachwerkfassaden. Der Großteil der Wohnungen stammt aus Zeiten, in denen an Energiekrisen nicht einmal zu denken war.

"Beim Thema Energieeffizienz stehen wir in Quartieren wie Heißen vor einem interessanten Dilemma", sagt Christa Reicher, Professorin für Stadtplanung an der TU Dortmund. "Eigentlich wissen die meisten Menschen, dass sich etwas ändern muss. Gleichzeitig gibt es so viele widerstrebende Interessen, dass das von alleine nicht passiert."

Heißen ist deshalb ein Versuchslabor für das Regionale Innovationsnetzwerk (RIN) "Energieeffizienz Ruhr", das seit 2012 bei der Wirtschaftsförderung metropoleruhr GmbH (wmr) angesiedelt ist. Christa Reicher, eine der Schlüsselfiguren des Netzwerks, will dort zusammenbringen, was sonst auseinanderstrebt. Energieeffizienz in Quartieren zu denken, ist für sie der einzige Weg, den Energiebedarf im Wohnbereich flächendeckend zu senken. Anlagen der Zukunft, wie etwa dezentrale Kraftwerke, ließen sich gemeinsam besser und wirtschaftlicher nutzen, sagt sie. Kurze Wege, Vielfalt, flexible Mobilität und eine gute Versorgung mit alltäglichen Gütern seien die sozioökonomische Grundlage für nachhaltiges Leben in städtischen Strukturen.

Andererseits wirft dieser Ansatz Fragen auf, die weit über Dachsanierung, Fassadendämmung und Erdwärmepumpen hinausgehen. Wie lassen sich die Pläne mit den sozialen, ökonomischen oder ökologischen Strukturen im Quartier vereinbaren? Wer lässt sich mit welchen Anreizen motivieren? Welches Geschäftsmodell kann ein dezentrales Kraftwerk haben? Wie lassen sich explodierende Mieten und Gentrifizierung vermeiden? "Das sind Bereiche, in denen es keine fertigen Lösungen gibt. Hier brauchen wir Menschen, die sich aus bisherigen Denkstrukturen lösen, neue Ideen entwickeln und in ihrem Umfeld etwas ausprobieren", sagt Christa Reicher.

Über das RIN "Energieeffizienz Ruhr"

  • Projektpartnerinnen und -partner sind u.a. die Hochschulen in Dortmund und Bochum, das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, die InWIS Forschung & Beratung GmbH, Stadtverwaltungen und Stadtwerke, lokale Unternehmen sowie Kirchengemeinden und Interessengruppen.

Über das RIN "Energieeffizienz Ruhr"

  • Zu den wichtigsten Instrumenten des RIN zählen Workshops, Arbeits- und Netzwerktreffen, Analysen und Experteninterviews, Befragungen, Beratungen und Info-Abende im Quartier.

Über das RIN "Energieeffizienz Ruhr"

  • Das RIN ist seit 2012 aktiv und bei der Wirtschaftsförderung metropoleruhr GmbH (wmr) angesiedelt.

Über das RIN "Energieeffizienz Ruhr"

  • Zum RIN gehört auch das Fortschrittskolleg "Energieeffizienz im Quartier – Clever versorgen.umbauen.aktivieren".

Das RIN „Energieeffizienz Ruhr“ soll ihnen eine Plattform bieten. Dafür muss das Netzwerk drei Hürden auflösen, die dauerhafte Kooperationen normalerweise unwahrscheinlich machen:

  • Überholte Rollenbilder verhindern neue Denkansätze: Zu den interessantesten Innovationen im Bereich Energieeffizienz gehören für Christa Reicher Geschäftsmodelle für dezentrale Kraftwerke. Sie setzen aber voraus, dass Menschen ihre Rolle im Quartier überdenken. Etablierte Versorger wie die Stadtwerke sehen in solchen Modellen oft  Konkurrenz – und halten ihre Expertise zurück. Mieterinnen und Mieter müssten bereit sein, mehr Verantwortung zu übernehmen – und Betreiber dieser Kraftwerke zu werden. Langfristiges Engagement der Anwohner wiederum setzt geringe Fluktuation und wenig Leerstand voraus. Eigentümer müssten sich deshalb künftig auch als Stadtplaner verstehen – und mit ihren Immobilien attraktive Alternativen zum Eigenheim im Grünen entwickeln. Hier soll das RIN helfen, gemeinsame Ziele zu finden und bislang verborgene Schnittstellen zwischen den Akteurinnen und Akteuren aufzudecken.
  • Es fehlen Orte für den Austausch: Kooperation und Austausch beruhen auf Vertrauen. Bislang gibt es aber keine Institutionen, die auf Ebene der Quartiere den systematischen Austausch potenzieller Projektpartner aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft fördern. Der Stadtrat arbeitet thematisch zu allgemein. Fachspezifische Netzwerke wie „Energieregion Ruhr“ sind zu weit weg von den Realitäten und Identitäten konkreter Viertel. Das RIN soll diese Lücke schließen: Ansprechpartner identifizieren und motivieren, Veranstaltungen anbieten, um Vertrauen werben, Interesse aufrechterhalten, in Konflikten vermitteln und den Nutzen von Kooperationen aufzeigen.
  • Es gibt kein konkretes Ziel: Auch Christa Reicher kann nicht sagen, wie Heißen in 20 oder 50 Jahren aussehen wird. Ihre Ziele sollen die Projektpartner selber entwickeln. „Sonst müssten wir nur die bereits existierenden Ansätze anwenden. Das hätte aber nichts mit Innovationen zu tun“, sagt die Professorin. Statt vorgegebener Wege bietet das RIN Expertenwissen,  Kontakte – und ein offenes Ohr für Visionen, die andere vielleicht als Spinnerei abtäten. 

In den vergangenen beiden Jahren hat das RIN schon einige Mitstreiterinnen und Mitstreiter gewonnen. Christa Reicher gehört dazu. Die Professorin ist ein eigenes Netzwerk im Netzwerk. Ob in „Gartenstadt der Zukunft“ oder „Innovation.City Bottrop“ – wer sich für die Regionalentwicklung im Ruhrgebiet interessiert, läuft ihr irgendwann über den Weg.  Geboren in der Nähe von Bitburg, kam Christa Reicher 1989 erstmals für eine Summerschool nach Herne. Sie war fasziniert: vom Strukturwandel und seinen Chancen, vom Verkehrschaos, von den vielen Grünflächen und den Autobahnen, die sie zerschneiden.  „Das war wie ein großes Labor für meine Forschung, direkt vor meiner Nase.“ Am Ende hatte sie die Wahl zwischen einem Lehrstuhl in Frankfurt – und einem im Ruhrgebiet. „Da musste ich nicht überlegen. Das Ruhrgebiet hat so ein großes Potenzial. Hier ist noch vieles möglich.“