RIN Gesundes Altern

Ein Fenster in die Welt

Das Bild zeigt den Leiter des RIN "Gesundes Altern" bei der Videotelefonie über SmartTV, einem Modellprojekt des RIN.
Einsamkeit ist für ältere Menschen nicht nur belastend, sondern auch ein Gesundheitsrisiko. Das RIN "Gesundes Altern" in Köln/Bonn möchte SmartTVs dafür nutzen, ältere Menschen mit ihrer Familie, ihren Freunden und ihrem Viertel zu vernetzen. Der Leiter des RIN, Professor Wolfgang Goetzke, hat das schon ausprobiert. (Foto: RIN Gesundes Altern/Goetzke)

Sein "Fenster in die Welt" hat 44 Zoll. Es holt die neusten Bilder seiner Enkelkinder ins Wohnzimmer, oder zeigt aktuelle Nachrichten aus seinem Viertel an. Es kann ihm auf dem Sofa zeigen, wer an der Haustür klingelt und ihn per digitaler Videotelefonie mit Familie und Freunden oder auch mit dem Hausarzt verbinden.

"Stellen Sie sich das mal vor: Sie sind alt und können das Haus nicht mehr verlassen. Aber Sie nehmen trotzdem am Leben teil, weil Ihr Umfeld auf Knopfdruck nach Bedarf zu Ihnen nach Hause kommt", sagt Professor Wolfgang Goetzke, Projektleiter des Regionalen Innovationsnetzwerkes "Gesundes Altern" in Köln.

Technisch ist ein solches Fenster in die Welt längst schon machbar. Viele Kooperationsprojekte aus Wissenschaft und Wirtschaft beschäftigen sich schon mit technischen Assistenzsystemen für ältere Menschen. Sie erinnern an die rechtzeitige Einnahme von Medikamenten, sie können Stürze erkennen, sie schalten vergessene Herdplatten aus und rufen bei Bedarf automatisch Hilfe herbei.

Wenig beachtet bleibt dabei bislang das mit dem Alter zunehmende Risiko der Vereinsamung. Die Befunde des Deutschen Alterssurveys zeigen: Wer heute 60 Jahre alt ist, kann sich weniger auf enge Familien- und Freundesbeziehungen verlassen, als das vor 20 Jahren der Fall war. "Soziale Isolation ist aber nicht nur Ursache und Folge altersbedingter Erkrankungen zugleich", sagt Goetzke. "Wir wissen mittlerweile sehr genau, dass Teilhabe am sozialen Umfeld den Abbau körperlicher und geistiger Funktionsfähigkeit hinauszögern kann."

Das RIN in Köln versucht daher mit den Mitteln der Forschung unter anderem, die Idee der Assistenzsysteme entsprechend zu erweitern. Für die Entwicklung eines "Fensters in die Welt" hat das von Goetzke aufgebaute Regionale Innovationsnetzwerk Netzwerk unterschiedlicher Menschen aus der Region Köln/Bonn zusammen geführt: IT-Fachleute, Beschäftigte aus Medizin und Pflege, Stadtplaner und Quartiersmanager, Medienexperten, Krankenkassen, Ehrenamtliche. Die Region KölnBonn verfügt über eine besonders hohe Dichte von Experten gerade aus den Bereichen Gesundheit und digitale Medien. Zusammen kommen die Vertreter dieser unterschiedlichen Fachwelten allerdings selten. 

"Am Anfang sind die in unserem Projekt zu beteiligenden Welten auch ziemlich aufeinandergeprallt", sagt Goetzke. "Hier und da mussten wir nicht nur bei den älteren Menschen, sondern auch bei Pflegekräften zunächst Berührungsängste im Umgang mit Technik abbauen. Auch gab es Vorurteile über ältere Menschen, die angeblich keinerlei Interesse an technischen Lösungen zeigen."

Doch irgendwann kam der notwendige Dialog in Gang. Inzwischen ist grundsätzlich geklärt: Das immer mehr Menschen fehlende Fenster zur Welt könnte ein altersgerechter intelligenter Fernseher ("SmartTV") werden. "Wir sind der Überzeugung, dass sich diese Lösung am einfachsten in die vertraute Lebenswelt älterer Menschen einfügen lässt. Aus den Erfahrungen der Pflege wissen wir, dass Menschen, denen soziale Kontakte fehlen, meist ohnehin viel Zeit vor dem Fernseher verbringen", sagt Goetzke.

Über das RIN "Gesundes Altern"

  • Das RIN "Gesundes Altern" gibt es seit 2013. Ziel ist ein Gesamtkonzept, dem steigenden Anteil älterer Menschen ein gutes, sicheres und integriertes Leben in der Mitte der Gesellschaft zu ermöglichen.

    Über das RIN "Gesundes Altern"

    • Zum Netzwerk gehören Gebietskörperschaften, Kammern, Verbände, Unternehmen, Hochschulen, Krankenkassen, Krankenhäuser, Wissenschaftler sowie Alten- und Pflegeeinrichtungen.

    Über das RIN "Gesundes Altern"

    • Das RIN kooperiert auch mit dem Fortschrittskolleg "Wohlbefinden bis ins hohe Alter" an der Universität zu Köln.

    Die technische Innovation allerdings ist nur der erste Schritt. Sie hat für die Forschung eine ganze Reihe von Anschlussfragen aufgeworfen, die sich ohne ein funktionierendes Netzwerk kaum lösen lassen:

    • Wer kümmert sich um vertrauenswürdige Informationsangebote, die den besonderen Interessen älterer Menschen gerecht werden? Ältere Menschen haben zum Teil andere Informationsbedürfnisse als jüngere Menschen. Ein wichtiges Thema ist der richtige Umgang mit alterstypischen Erkrankungen und Einschränkungen.
    • Wer versorgt die Nutzerinnen und Nutzer mit lokalen Nachrichten und Informationen aus ihrem Viertel? Zwar experimentieren Medienunternehmen seit längerem mit hyperlokalen Nachrichtenseiten. Aber ein funktionierendes Geschäftsmodell haben sie dafür bislang nicht gefunden.
    • Wer vernetzt ganz unterschiedliche Menschen in einem bestimmten Viertel? Für Goetzke steht fest: Ein technisches Fenster in die Welt kann nur so gut sein, wie das soziale Netzwerk darum herum. Familie, Pflege, alltagsnahe Dienstleistungen, Quartiersmanagement, Nachbarschaftshilfe – diese Bereiche müssten so organisiert werden, dass sie flexibel auf die ganz individuellen Bedürfnisse reagieren können, die mit dem Altern einhergehen. "Unsere Projektgruppe diskutiert sehr intensiv darüber, wie sich quartiersnahe Netzwerke aufbauen lassen und wer sie managen kann", so Goetzke. Und weiter: „Wir wollen den persönlichen Kontakt älterer allein lebender Bürger mit den anderen Menschen im Wohnquartier beleben und keineswegs durch technische Systeme ersetzen.“
    • Wie könnte ein solches Fenster in die Welt finanziert werden? Eigentlich müssten die Kranken- und Pflegekassen ein Interesse daran haben, kostenintensive Behandlung akuter Alterserkrankungen möglichst lange hinauszuzögern. Für Prävention setzt das derzeitige System zur Betreuung älterer Menschen aber keine wirksamen Anreize. Krankenkassen sind oft geneigt, ältere Patienten an die Pflegekasse weiterzureichen. Die wiederum haben für Prävention keinen Auftrag. "Dieses System ist nicht mehr zeitgemäß", sagt Goetzke. "Eine überzeugende Lösung und ein starkes Netzwerk ist aber die Voraussetzung dafür, dass sich solche Strukturen langfristig wandeln."
    • Wer macht aus einem Konzept und einem Prototyp ein marktreifes Produkt? Assistenzsysteme sind bislang kaum massentauglich. Sie müssen auf die Lebenssituation der jeweiligen Nutzerin, des jeweiligen Nutzers angepasst werden. Für Unternehmen aber lohnt sich die Umsetzung technischer Systeme nur, wenn sie mit einer generellen, aber individualisierbaren Lösung eine Vielzahl an Menschen erreichen können. Auch dafür fehlen bislang Produkte, die an unterschiedlichste Bedürfnisse angepasst werden können.
    • Wer unterstützt ältere Menschen beim Erlernen der Handhabung der Geräte? Die Benutzung moderner Haushaltsgeräte ist heute zum Teil so kompliziert, dass mancher daran verzweifelt. Auch wenn die Bedienung zukünftig deutlich vereinfacht wird, sind immer wieder vertraute und geduldige Menschen im Nahbereich erforderlich, die älteren Menschen weiterhelfen. In der Vision von Goetzke ist das die Enkelgeneration, die mit der jeweils neuesten Technik groß wird und in der Regel einen sehr guten Kontakt zu den Großeltern pflegt.

    Für die Umsetzung des Konzeptes bleibt für das RIN "Gesundes Altern" also noch viel Arbeit zu tun. Goetzke aber ist optimistisch, dass das Netzwerk am Ende zu guten Lösungen kommen wird. Er selbst – inzwischen 65 Jahre alt – baut auch darauf. Beruflich blicke er auf ein erfülltes Leben zurück. Privat pflege er einen aktiven Freundeskreis, mit dem er Sport und Kultur genießt. "Auch ich hätte gern so lange wie möglich die Möglichkeit, mir dieses Leben zu erhalten.“