RIN Rhein-Ruhr zur Diabetesvorsorge und Begleitung von Menschen mit Diabetes

Ein Netz gegen Diabetes

Das Foto zeigt die Beine eines Joggers.
95 Prozent aller Diabetes-Erkrankungen betrifft den Typ-2 Diabetes, der zwar eine genetische Prädisposition hat, oft aber auch das Ergebnis eines bestimmten Lebensstils ist. (Foto: Focus Pocus LTD / fotolia.com)

„Sie haben Diabetes.“ Dieser Satz fällt mittlerweile so häufig in den Arztpraxen, dass er nicht nur das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen schlagartig ändert. Die Volkskrankheit „Zucker“ ist zu einer Herausforderung für die gesamte Gesellschaft geworden. Etwa sechs Millionen Erkrankte gibt es derzeit in Deutschland. Täglich kommen bis zu 1.000 Neudiagnosen dazu.

Eine Zahl, die sich für Olaf Spörkel vom Regionalen Innovationsnetzwerk „Diabetes“ in Düsseldorf deutlich reduzieren ließe. „Medizinisch wissen wir so viel über Diabetes, dass die Zahl der Neu- und Folgeerkrankungen eher rückläufig sein müsste. Nur zeigt dieses Wissen nicht den gewünschten Effekt“, sagt der Leiter des Nationalen Diabetes-Informationszentrums am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf.

95 Prozent aller Diabetes-Erkrankungen betrifft den Typ-2 Diabetes, der zwar eine genetische Prädisposition hat, oft aber auch das Ergebnis eines bestimmten Lebensstils ist. Eine Diagnose mit Folgen: Die Stoffwechselerkrankung führt laut der Deutschen Diabetes-Hilfe Jahr für Jahr zu etwa 40.000 Amputationen, 2.000 Patientinnen und Patienten erblinden. Weitere 2.300 Menschen mit Diabetes müssen sich jährlich erstmals der Dialyse unterziehen.

Für Spörkel und das RIN kann es dafür nur eine Lösung geben: Risikogruppen und Betroffene sollen in ihrem direkten Lebensumfeld ein möglichst engmaschiges Netz aus Prävention und Therapie vorfinden, das ihnen dabei hilft, das Diabetes-Risiko in Schach zu halten. Das ist gar nicht so leicht. Viele Versuche gab es schon, Menschen mit Informationskampagnen, Plakataktionen, Fitness- und Abnehm-Apps zu erreichen. „Aufmerksamkeit erhalten wir aber meistens von denen, die ohnehin schon auf ihre Gesundheit achten", sagt Spörkel. "Bei vielen anderen haben wir nur eine Chance, wenn wir sie persönlich in ihrem Alltag vor Ort erreichen." Und auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können nur dann erfolgreich forschen, wenn sie möglichst nah an den Menschen dran sind.

Über das RIN "Diabetes"

  • Projektpartnerinnen und -partner kommen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Dazu zählen die Deutsche Diabetes-Hilfe, das Diabetes Programm Deutschland, das Universitätsklinikum, die Landeshauptstadt sowie die Handwerkskammer Düsseldorf, Krankenkassen, Unternehmen der Gesundheitswirtschaft oder Patientenverbände.  

Über das RIN "Diabetes"

  • Das RIN hat Mitte 2014 die Arbeit aufgenommen und ist an das Deutsche Diabetes-Zentrum in Düsseldorf angegliedert. Es unterstützt mit seinen Forschungsansätzen Betroffene, Risikogruppen und Angehörige dabei, selbstständig mit ihrem Diabetes-Risiko umzugehen.

Über das RIN "Diabetes"

  • Ein wichtiges Projekt ist der Diabetes-Wegweiser für Düsseldorf im Internet, der noch weiter erweitert werden soll.

Dafür ein lokales Netzwerk zu knüpfen, mag simpel klingen, erfordert aber ein gänzlich neues Beziehungsmanagement. Die Betroffenen selbst kommen zwar nach der Diagnose mit ganz unterschiedlichen Berufsgruppen in Kontakt: mit Diabetologinnen und Diabetologen, Hausärztinnen und Hausärzten sowie Fachleuten für Ernährung, Sport und medizinische Fußpflege. Die einzelnen Fachgruppen bleiben aber nicht selten unter sich.

Die Folge: Immer wieder versickern an Schnittstellen wichtige Informationen. Bis vor wenigen Jahren etwa galt Fruchtzucker als Diabetikersüße. Das ist mittlerweile gut widerlegt: Fruchtzucker begünstigt Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Insulinresistenz – und erhöht damit das Risiko, insbesondere an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Trotzdem glauben noch immer viele Betroffene, Lebensmittel mit Fruchtzucker seien für eine zuckerarme Ernährung besonders geeignet.

Eine weitere Hürde sind sprachliche Barrieren: Schon auf dem ersten Treffen des RIN stellte sich heraus, dass eine ganze Reihe von Risikogruppen und Betroffenen lokale Angebote zu Prävention und Behandlung von Diabetes allein deshalb nicht wahrnehmen, weil sie nicht in ihrer Muttersprache vorliegen. Wer aber hat im Blick, welche Sprachen in und um Düsseldorf oft gesprochen werden – und sorgt dafür, dass Angebote auch in diesen Sprachen verfügbar sind?

Es liegt auf der Hand, warum sich die Volkskrankheit Diabetes nur mit einem übergreifenden, ganzheitlichen Ansatz zurückdrängen lassen wird – und damit nur innerhalb eines Netzwerkes, das Forscherinnen und Forscher ebenso einbindet, wie die Familien der Betroffenen, die deren Ernährungs- und Lebensgewohnheiten entscheidend prägen.

Der Standort Düsseldorf ist für ein solches Netzwerk ideal. Das Deutsche Diabetes-Zentrum, das das Regionale Innovationsnetzwerk koordiniert, ist das Referenzzentrum der Leibniz-Gemeinschaft zum Krankheitsbild Diabetes. Zum RIN gehören mittlerweile aber auch das Universitätsklinikum Düsseldorf, Forschungsunternehmen, Sozialversicherungsträger, Diabetes-Selbsthilfegruppen, der Adipositasverband Deutschland oder die Landeshauptstadt Düsseldorf.

Hier laufen also nicht nur besonders viele Informationen zusammen. Überall liegen Erfahrungen, wie sich diese Informationen so aufbereiten lassen, dass sie andere Netzwerkpartner und die Patientinnen und Patienten wirklich erreichen. Spörkel: „Diese vielen Ansätze müssen wir jetzt zu Konzepten und Strategien weiterentwickeln, die vor Ort gut funktionieren. Vielleicht gelingt es uns dann sogar, Modelle daraus zu machen, die sich auf andere Regionen mit deren Eigenheiten adaptieren lassen." Spörkel selbst ist daran auch persönlich sehr interessiert. „Bisweilen ist es sehr frustrierend, viel Wissen über eine Krankheit gesammelt zu haben – und zu sehen, wie wenig dieses Wissen allein bewirkt."