Anna-Lena Berscheid über Wissensproduktion, Tellerränder und Fortschritt

Das Bild zeigt Anna-Lena Berscheid.
(Bild: Universität Paderborn/Me Chuthai)

Wie wird Wissen produziert? Und welche Möglichkeiten bietet der Blick über den Tellerrand des eigenen Fachbereichs hinaus? Diese Fragen beschäftigen Anna-Lena Berscheid, die ihre Dissertation am Fortschrittskolleg "Leicht – Effizient – Mobil" der Universität Paderborn über die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche schreibt. Ihren Bachelor-Abschluss hat sie in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft sowie Nordamerikastudien absolviert. Im Master studierte sie Gender Studies und Wissenschaftsforschung. Im Rahmen der Konferenz "Transformationen – Industrielle Wege zur Nachhaltigkeit" verfasste sie gemeinsam mit Xiaojun Yang, ebenfalls von der Universität Paderborn, eine Publikation. Darin geht es um die Zusammenarbeit mehrerer  Fachbereiche im Leichtbau mit dem Ziel, eine nachhaltige Wertschöpfungskette zu gestalten.

Frau Berscheid, Sie haben während Ihres Studiums Einblicke in verschiedene Fachbereiche erhalten. Was hat Sie an der Fächerkombination Gender Studies und Wissenschaftsforschung gereizt?

Bereits während meines Bachelor-Studiums interessierte ich mich besonders für Geschlechterstudien. Deswegen habe ich immer wieder Veranstaltungen in diesem Themenbereich besucht. Im Rahmen der Nordamerikastudien ging es zum Beispiel um die Frauenbewegungen und den Feminismus  in den Vereinigten Staaten. Im Master spezialisierte ich mich dann auf Gender Studies und wählte das Nebenfach Wissenschaftsforschung hinzu. Die zentrale Frage lautete: Wie funktioniert die Produktion von Wissen? Wissen beruht nämlich nicht nur auf Beobachtung – auch soziale Aspekte sind entscheidend. Menschen ordnen einen Versuch zum Beispiel ganz unterschiedlich an und das beeinflusst unter Umständen auch die Ergebnisse. Dabei spielen auch Geschlechterunterschiede eine Rolle – und Geschlechterunterschiede werden durch wissenschaftliche Forschung häufig essentialisiert und dadurch festgeschrieben, ohne gesellschaftliche Einflüsse in den Blick zu nehmen. Das kritisieren sowohl Gender Studies als auch Wissenschaftsforschung. Durch meine Fächerkombination kamen also Fachrichtungen zusammen, die sich gegenseitig gut ergänzt haben. Das hat den besonderen Reiz ausgemacht.

Auch Ihr beruflicher Weg führte Sie in die Wissenschaft. Bereits während des Studiums haben Sie am Institut Ihrer Universität gearbeitet. Heute verfassen Sie Ihre Dissertation am Fortschrittskolleg "Leicht – Effizient – Mobil". Wie gestaltet sich Ihre Arbeit dort?

Am Fortschrittskolleg forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz verschiedenen Bereichen mit unterschiedlichem Fach- und Methodenwissen. Ich beobachte und analysiere, wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Kolleg miteinander arbeiten, welche Chancen sich durch den Austausch von Wissen und Methoden bieten und wo die Herausforderungen liegen. Ich erinnere mich zum Beispiel sehr gut an das gemeinschaftliche Vorhaben, einen Technologiedemonstrator zu entwickeln, der die Promotionsprojekte am Fortschrittskolleg im Kleinformat veranschaulicht. Es stellte sich als schwierig heraus, alle Fächergruppen gleichermaßen einzubinden. Solche Erfahrungen sehe ich als guten Ausgangspunkt, um Ideen für eine umfassendere und produktivere Zusammenarbeit zu entwickeln.

Ich nehme am Fortschrittskolleg aber nicht nur die beobachtende Rolle ein. Meine letzte Veröffentlichung als Beitrag zur Konferenz "Transformationen – Industrielle Wege zur Nachhaltigkeit" habe ich zum Beispiel in Zusammenarbeit mit Xiaojun Yang aus dem Fachbereich Produktionstechnik an der Universität Paderborn verfasst. Eine solche, auf Austausch basierende Arbeitsweise bringt nicht nur die Wissenschaft voran, sondern auch mich selbst. Ich habe in meiner Zeit am Kolleg schon viel über den Maschinenbau und die Arbeitsweise von Ingenieurinnen und Ingenieuren gelernt. Auch auf Konferenzen merke ich immer wieder, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die über den eigenen Tellerrand schauen, heute stark gefragt sind.

"Über den Tellerrand schauen" – das ist ein gutes Stichwort: Würden Sie das als Fortschritt in der Wissenschaft bezeichnen?

Auf jeden Fall. Jeder kennt die Metapher vom Elfenbeinturm, in dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler isoliert arbeiten. Es geht aber längst nicht mehr nur darum, reines Wissen zu schaffen, das Bücher und Journals füllt. Es geht vielmehr darum, Technologien und Konzepte zu entwerfen, die in einem realen gesellschaftlichen Kontext Anwendung finden. Ich glaube, dass der Austausch über Fächergrenzen hinweg genau das bietet: Er ermöglicht, dass alle Facetten eines Forschungsthemas ausgeleuchtet werden. Das bedeutet eine Veränderung des Status Quo in einem positiven Sinne – das würde ich definitiv als Fortschritt bezeichnen.