Drei Fragen an... Prof. Dr. Dirk Messner

"Was wir heute unter gesellschaftlichem 'Fortschritt' verstehen wollen und wie er erreicht werden kann, muss in Zeiten tiefgreifender Veränderungen neu betrachtet werden."

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Prof. Dr. Dirk Messner (Foto: Deutsches Institut für Entwicklungspolitik)

Prof. Dr. Dirk Messner ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik und Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Seit 2013 ist er außerdem Co-Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in Themenbereichen wie Globalisierung, Global Governance, Globale Entwicklung, Klimaveränderung sowie emissionsarme Entwicklung.

Herr Prof. Dr. Messner, welche Bedeutung hat Entwicklung für das Land Nordrhein-Westfalen?

Dirk Messner: NRW hat in den vergangenen sieben Jahrzehnten einen langen Weg zurückgelegt. Aus der Stahl- und Kohleregion ist eine moderne Industrie- und Wissensgesellschaft geworden. Der Aufbau der Universitäten und Fachhochschulen sowie massive Investitionen in Bildung seit den 1970er-Jahren und die Umgestaltung vieler ehemaliger Industriestandorte in Leuchttürme und Hochburgen der Kultur, des Bürgerdialogs, der Wissenschaft und der Erholung – von der Zeche Zollverein in Essen bis zur Jahrhunderthalle in Bochum – seit den 1990er-Jahren haben die Identität des Landes sowie das Leben der Bürgerinnen und Bürger verändert und Zukunft geschaffen. Nicht alle Herausforderungen konnten immer umfassend gelöst werden, viele Kommunen  stehen vor schwierigen Aufgaben, es bleibt viel zu tun. Doch NRW ist ein Mutterland des Strukturwandels.

Was bedeutet Fortschritt für Sie?

Dirk Messner: Was wir heute unter gesellschaftlichem "Fortschritt" verstehen wollen und wie er erreicht werden kann, muss in Zeiten tiefgreifender Veränderungen neu betrachtet werden. Weltweit wird derzeit über die Zukunft des Fortschritts nachgedacht. Wichtig ist, dass die Menschen in sozialer Sicherheit und Wohlbefinden leben können. Wohlstand basiert auf einem ganzen Bündel von Elementen wie Erwerbstätigkeit und deren Ausgestaltung, Zugang zu den Grundlagen menschlicher Wohlfahrt wie etwa Gesundheitsversorgung, Bildung, Wohnen und Kinderbetreuung gehören dazu, aber auch Teilhabe an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie Identifikation, Anerkennung und soziale Inklusion. Damit die Wirtschaft Grundlagen einer guten Gesellschaft schaffen kann, sind zudem Investitionen notwendig. Letztlich spielen Infrastrukturen eine entscheidende Rolle, wenn es um Fortschritt geht. Hierbei geht es nicht nur um Betonpfeiler, Straßenbeläge, Schienen, Energie und digitale Netze. Infrastrukturinvestitionen müssen so gestaltet werden, dass es gelingen kann, Treibhausgasemissionen radikal zu reduzieren und die Ressourceneffizienz von Wirtschaft und Gesellschaft fundamental zu erhöhen.

Angenommen, Sie sollten eine Kompass für erfolgreich gestalteten Fortschritt entwerfen: Was sind die zentralen Faktoren?

Dirk Messner: Zukunftsfähigkeit, Langfristorientierung und Weltoffenheit. Aus meiner Sicht hängen alle Elemente des guten Lebens und die Grundlagen für Fortschritt von diesen drei Kernprinzipien ab. Wirtschaftliche, soziale und politische Zukunftsfähigkeit muss Vorrang haben vor Ad-hoc-Scheinlösungen und dem allerkleinsten politischen gemeinsamen Nenner. Langfristorientierung ist notwendig. Nur so können Zukunftsinteressen der Gesellschaft gegen gut organisierte Gegenwartsinteressen durchgesetzt und es  kann verhindert werden, dass kurzfristig scheinbar günstigere Lösungen langfristig irreparable Schäden oder hohe Kosten verursachen – zulasten zukünftiger Generationen. Weltoffenheit ist für NRW als Exportwirtschaft, als Region mitten in Europa und als Heimat von Menschen, die seit vielen Jahrzehnten aus vielen Ländern nach NRW gekommen sind, um Bürgerinnen und Bürger dieses Landes zu werden, Voraussetzung für sozialen Frieden, Demokratie und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.


Wie kann die Zukunft in NRW gestaltet werden? Weitere interessante Antworten auf diese Frage finden Sie im Memorandum "NRW gestalten". Die Broschüre bildet Abschluss und Ergebnis des offenen Dialogprozesses "Fortschritt gestalten".