Drei Fragen an... Christa Liedtke

"Durch Vielfalt können mehr Kreativität und Innovation erreicht werden"

Das Bild zeigt die Wissenschaftlerin Christa Liedtke vom Wuppertal-Institut im Porträt.
Wissenschaftlerin Christa Liedtke: "Die meisten Gremien werden vom anderen Geschlecht dominiert." (Foto: privat)

Die Diplom-Biologin Christa Liedtke leitet am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie seit 2003 die Forschungsgruppe "Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren". Seit 2012 ist sie zudem Gastprofessorin an der Folkwang Universität der Künste in Essen, wo sie Nachhaltigkeitsforschung im Design lehrt.

Frau Prof. Liedtke, mehr als die Hälfte der ca. 30 Mitglieder Ihrer Forschungsgruppe am Wuppertal-Institut sind weiblich. Wie wichtig ist Ihnen in Ihrer Position die Förderung junger Wissenschaftlerinnen?

Christa Liedtke: Bereits während des Studiums war ich in Fachbereichen unterwegs, die entweder einen fast ausgeglichenen Anteil an weiblichen und männlichen Beteiligten hatten oder einen hohen Anteil männlicher Kommilitonen - zum Beispiel in Physik oder Chemie. Der Vergleich ist doch recht aufschlussreich. Im Beruf erlebe ich seit 20 Jahren kaum eine Veränderung - die meisten Gremien werden vom anderen Geschlecht dominiert.
Ich hatte immer den Eindruck, dass durch Vielfalt eine höhere Kreativität und Innovation in Forschung und Entwicklung erreicht werden kann. Dafür ist ein gutes Geschlechterverhältnis schon mal eine unabdingbare Basis. Offenheit, Toleranz Neugierde, unterschiedliche Lebenswelten und Kulturen bilden in der Wissenschaft den richtigen Nährboden für eine soziale und wissenschaftliche Innovationskultur. Denn die Ergebnisse werden oft sehr schnell gesellschaftlich relevant. Akzeptanz wie auch Antizipation kann aber nur entstehen, wenn vielfältige Lebens- und Arbeitsrealitäten adressiert werden. Das passiert nicht, wenn Wissenschaft ein exklusiver "closed shop" männlicher oder anderer Eliten bleibt.
Mir ist die Förderung junger Wissenschaftlerinnen vor allem dann wichtig, wenn sie vor der Entscheidung Familie oder Beruf stehen. Es fragt sich, warum Kinder eine berufliche Pause bedingen müssen. Erfüllung im Familienleben und im Beruf mit einer geplanten, durchlaufenden Karriere sind zentrale Faktoren, um Frauen in der Wissenschaft zu fördern. Eine ODER-Entscheidung sollte möglichst vermieden werden, eine UND-Entscheidung befruchtet das Leben und hält alle Sinne wach und neugierig. Davon profitieren alle - die Frauen, die Kinder, die Männer, die Gesellschaft.

Ist die Umwelt- und Klimaforschung besonders interessant für Frauen, weil sie viel Kontext bietet, sich stärker als andere Wissenschaften an lebensweltlichen Problemstellungen orientiert?

Christa Liedtke: Sie meinen, das sei ein Frauenthema? Lebensweltlich würde man das dann mit Haushalt und Familie übersetzen? Sicherlich bringen Frauen auch ein spezifisches (Erfahrungs-)wissen und oftmals einen anderen Zugang zu Wissen mit, ich warne aber davor, das zu verkürzen. Die Komplexität des wissenschaftlichen Ansatzes ist das Entscheidende. Das gilt auch für andere Forschungsbereiche, die sich mit komplexen gesellschaftlichen Fragestellungen befassen. Allein disziplinär sind diese nicht zu beantworten. Den Dingen muss von verschiedenen Sichtweisen her auf den Grund gegangen, ganz unterschiedliche Wissensbestände müssen hinzugezogen werden. Dabei geht es nicht um Frau oder Mann, sondern um deren Interaktion bei solchen Perspektivwechseln. Das ist lehr- und erfahrungsreich. Und die Ergebnisse versprechen, richtungssicherer und umsetzbarer zu sein. Mein Plädoyer ist daher, eine Ausgewogenheit der Geschlechter wie der kulturellen Vielfalt in der Wissenschaft zu erreichen.

Warum sind Frauen in der Wissenschaft einfach unverzichtbar?

Christa Liedtke: Wissenschaft ist Teil der Gesellschaft, wir, die Frauen sind ebenfalls Gesellschaft. Wissenschaft gestaltet Gesellschaft, wir gestalten Wissenschaft. Wissenschaft exploriert Zukunft, wir entwickeln Zukunft. Folglich sind wir selbstverständlich Bestandteil von Wissenschaft (auch, wenn das nicht immer offensichtlich ist).