Drei Fragen an... Eva-Maria Jung

"Auch meine männlichen Kollegen wünschen sich ein ausgeglicheneres Verhältnis"

Das Bild zeigt die Wissenschaftlerin Eva-Maria Jung von der Universität Münster.
Junge Kollegiatin Eva-Maria Jung: "Irgendwann 'verschwinden' die Frauen einfach." (Foto: privat)

Eva-Maria Jung, Jahrgang 1979, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar und Geschäftsführerin des Zentrums für Wissenschaftstheorie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Anfang 2014 wurde sie in das Junge Kolleg der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste aufgenommen - eine der bedeutendsten Auszeichnungen für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Frau Dr. Jung, auf den Punkt gebracht: Was reizt Sie am Arbeitsfeld Wissenschaft im Allgemeinen und an Ihrem Forschungsgebiet im Besonderen?

Eva-Maria Jung: Mich reizt die Freiheit, die man in der Wissenschaft im Vergleich zu vielen anderen Berufsfeldern hat. Ich kann in Forschung und Lehre unterschiedlichen Interessen nachgehen und habe viele Gestaltungsmöglichkeiten. Zudem arbeite ich meist sehr selbstständig und habe recht flexible Arbeitszeiten. Darüber hinaus ist mein Aufgabenfeld sehr vielfältig: Ich unterrichte, betreue Abschlussarbeiten, organisiere Konferenzen oder fahre zu Kongressen. Manchmal brüte ich auch einfach tagelang in völliger Isolation über einem philosophischen Problem.
In der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie stehen ganz unterschiedliche Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen unserer Erkenntnis und der Wissenschaft im Mittelpunkt. Fragen, die in der Philosophiegeschichte teils schon seit Jahrtausenden gestellt werden. Für mich sind diese Disziplinen deswegen so spannend, weil sie uns immer wieder aufzeigen können, dass sich etablierte wissenschaftliche Methoden oder Begründungsmuster, die wir gewöhnlich nicht hinterfragen, als sehr viel problematischer herausstellen, als wir es vermuten. Zudem gewinne ich durch die Auseinandersetzung mit diesen Fragen auch neue Sichtweisen auf mein eigenes wissenschaftliches Vorgehen und auf die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede zwischen der Philosophie und anderen Wissenschaften.

An den NRW-Hochschulen ist das Geschlechterverhältnis beim wissenschaftlichen Spitzenpersonal, den Professorinnen und Professoren, weiterhin sehr ungleich zugunsten der Männer ausgeprägt - oftmals ganz im Gegensatz zum Geschlechterverhältnis der Studierenden. Deckt sich das mit den Erfahrungen, die Sie an der Uni Münster in Ihrem Fachbereich machen?

Eva-Maria Jung: Ja, das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Am Philosophischen Seminar der Uni Münster ist zurzeit keine der neun Professuren von einer Frau besetzt. Unter den Studienanfängern ist das Geschlechterverhältnis meist ausgeglichen, in meinen Seminaren sitzen oft überaus intelligente und kreative weibliche Studierende. Doch ab der Doktorandenstufe ändert sich das Geschlechterverhältnis meist. Besonders deutlich wird das auf Konferenzen, auf denen ich manchmal sogar die einzige Frau bin. In der Philosophie gibt es seit einiger Zeit Diskussionen über dieses Thema, da man festgestellt hat, dass es hier ein weitaus einseitigeres Geschlechterverhältnis als in vielen anderen Geistes- und Kulturwissenschaften gibt. Irgendwann "verschwinden" die Frauen einfach, und es ist schwierig, die Gründe dafür genau zu benennen und ihnen entgegenzuwirken. Dabei bin ich mir sicher, dass sich auch meine männlichen Kollegen wünschen, dass es ausgeglichener ist.

Warum sind Frauen in der Wissenschaft einfach unverzichtbar?

Eva-Maria Jung: Weil wir eine Vielfalt von Perspektiven und Denkstrukturen brauchen. Ich glaube zwar nicht, dass es spezifisch weibliche oder männliche Kompetenzen gibt, die für die Wissenschaft unabdingbar sind. Aber ich bin mir sicher, dass ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis hilfreich ist, um einem allzu stereotypischen Verhalten sowie festgefahrenen Urteilen und Argumentationsmustern, die für die Forschung sehr hinderlich sein können, entgegenwirken. Frauen sind deswegen in der Wissenschaft unverzichtbar. Männer übrigens ebenso.