Interview mit Birgit Drolshagen

"Offene Kommunikation und langfristige Planung sind unerlässlich"

Das Bild zeigt Dr. Birgit Drolshagen, Akademische Oberrätin im Fach Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund.
Dr. Birgit Drolshagen (Foto: Uwe Völkner)

Dr. Birgit Drolshagen, Akademische Oberrätin im Fachbereich Rehabilitationswissenschaften der TU Dortmund, wurde mit Sehbehinderung geboren und erblindete im Laufe ihres Lebens. Sie unterrichtet im Lehrgebiet Rehabilitation und Pädagogik bei Blindheit und Sehbehinderung.

Was fordert Sie an der Universität täglich heraus?

Dr. Birgit Drolshagen: Der Campus der TU Dortmund ist relativ barrierefrei ausgebaut: Wir haben ein Leitsystem und die Räume sind taktil beschriftet. Allerdings ist es schwierig für mich, in großen Lehrveranstaltungen mit den Studierenden in Kommunikation zu treten. Ich kann keinen Blickkontakt herstellen und muss die Studierenden daher auf andere Art und Weise zur Beteiligung aktivieren. Ich sage ihnen zu Beginn des Semesters offen, dass ich blind bin, Wortmeldungen keinen Sinn machen und wie sie mich ansprechen sollen. Auch erkenne ich Studierende nicht wieder, wenn ich ihnen auf dem Flur oder in meiner Sprechstunde begegne.
Eine weitere Herausforderung stellt sich mir, wenn ich kurzfristig umfangreichere Texte lesen muss. Meine auf taktiler oder auditiver Wahrnehmung basierenden Arbeitstechniken sind zeitaufwändiger als die sehender Kolleginnen und Kollegen. Bei Sitzungen vergessen die Kolleginnen und Kollegen manchmal, mir die Unterlagen und Präsentationen vorher digital zukommen zu lassen - dann kann ich nicht mitlesen.

In Ihrem Lehrgebiet sind die Studierenden für Ihre Behinderung sensibilisiert. Wie treten Sie in einer interdisziplinären Vorlesung auf?

Dr. Birgit Drolshagen: Das ist nicht anders als in den großen Lehrveranstaltungen meines Fachbereichs, in denen auch Studierende sitzen, die nicht den Förderschwerpunkt "Sehen" studieren. Anfangs spreche ich meine Blindheit offen an, um den Studierenden die Unsicherheit zu nehmen. Ich gehe immer mit Assistenz und meinem eigenen Laptop in meine Veranstaltungen. Die Assistenz ist im Vorfeld der Veranstaltung für die formale Gestaltung meiner PowerPoint-Präsentation zuständig und bedient in der Veranstaltung Notebook und Beamer. Die Verantwortung für die Lehrinhalte und die Methodik liegen selbstverständlich bei mir. Ich habe meine Notizen in Brailleschrift dabei. Generell erfordert die Arbeit mit Arbeitsassistenz eine langfristigere Planung und einen höheren organisatorischen Aufwand.

Was bedeutet die Behinderung für Sie als Lehrende?

Dr. Birgit Drolshagen: Ich bringe meine Behinderungserfahrung in meine Lehre ein und betrachte die Inhalte aus zwei Perspektiven: als Wissenschaftlerin und als Betroffene. Hierdurch erhält die Diskussion mit den Studierenden eine andere Qualität.