Interview mit Christiane Schindler

"Lehrende müssen noch stärker sensibilisiert werden"

Das Bild zeigt Dr. Christiane Schindler, Leiterin der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerkes.
Dr. Christiane Schindler (Foto: Uwe Völkner)

Dr. Christiane Schindler ist seit 2009 Leiterin der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks. Die IBS informiert sowohl Studierende als auch Beraterinnen und Berater von Hochschulen.

Welche sind die nicht erkennbaren Beeinträchtigungen?

Dr. Christiane Schindler: Zu den "unsichtbaren" Beeinträchtigungen gehören chronische Krankheiten wie zum Beispiel Rheuma und Tumorerkrankungen, psychische Erkrankungen oder Teilleistungsstörungen wie Legasthenie. Tatsächlich machen Studierende mit sichtbaren Beeinträchtigungen nur einen kleinen Teil von gerade einmal sechs Prozent der behinderten Studierenden aus. Rund zwei Drittel der Behinderungen sind auch nach längerer Zeit nicht durch Dritte wahrnehmbar. Viele Beeinträchtigungen bleiben im Verborgenen, wenn Studierende ihren Unterstützungsbedarf gegenüber Kommilitonen, Lehrenden und Beratenden nicht kommunizieren.

Sie beraten Studierende sowie Beraterinnen und Berater - welche sind die häufigsten Themen?

Dr. Christiane Schindler: Die Studierenden suchen oftmals eine Erstinformation oder kennen noch nicht die Ansprechpartner an ihrer Hochschule. Ihre Fragen drehen sich um den Hochschulzugang oder um Nachteilsausgleiche in Studium und Prüfungen. Bei den Beratern sind es ähnliche Themen - hier geht es meistens um die Frage "Welche Nachteilsausgleiche sind in welcher konkreten Situation angemessen?", also um individuelle, passgerechte Angebote. Nicht immer reicht es, jemanden in einer Prüfung länger schreiben zu lassen. Für manche ist ein separater Raum oder eine Pause zwischendurch wichtiger.

Wie sieht eine inklusive Hochschule aus?

Dr. Christiane Schindler: Auch Studieninteressierte mit Beeinträchtigungen sollten jederzeit die Möglichkeit haben, das Studium ihrer Wahl an der Hochschule ihrer Wahl absolvieren zu können. Dafür müssen Hochschulen nicht nur baulich, sondern vor allem in ihren Lehrangeboten barrierefrei sein. Das bedeutet konkret: Lehrende sprechen beispielsweise mit dem Gesicht zum Publikum, so dass Lippenlesen möglich ist, oder tragen ein zusätzliches Mikro, das mit einer Übertragungsanlage für hörbehinderte Studierende verbunden ist. Dazu gehört auch, Materialien vor der Veranstaltung zur Verfügung zu stellen, damit diese in lesbare Formate für blinde Menschen umgewandelt werden können. Für barrierefreies Lehren und Lernen müssen die Lehrenden noch stärker für die einzelnen Beeinträchtigungen sensibilisiert werden.