Interview mit Anastassia Pletoukhina

Religiöse Vielfalt als Normalität

Das Bild zeigt Anastassia Pletoukhina.
Anastassia Pletoukhina (Foto: Peter Grewer)

Anastassia Pletoukhina studiert Gender- und Diversity-Kompetenz an der Freien Universität Berlin. Sie leitet das Jugendzentrum der Jüdischen Gemeinde Berlin und initiierte die jüdische Studierendeninitiative Studentim e.V. mit.

Was war Ihre Motivation, Studentim zu gründen?


Anastassia Pletoukhina:
Als ich nach Berlin ging, um dort meinen Master zu machen, gab es keine Anlaufstelle für jüdische Studierende. Ich hatte jedoch das Bedürfnis, mich mit Gleichgesinnten vor allem über jüdische Traditionen, Kultur und Politik auszutauschen. Studentim versteht sich nicht in erster Linie als religiöse Plattform, sondern als Vereinigung, die sich sowohl mit jüdischen Traditionen beschäftigt als auch die gesellschaftspolitische Themen behandelt, die für das jüdische Leben in Deutschland relevant sind. Wir sind nicht an einem Campus verortet, denn wir wollen Anlaufstelle für Studierende aller Hochschulen sein.

Was wissen Studierende über andere Religionen? Gibt es Vorurteile in Ihrem Hochschulalltag?


Anastassia Pletoukhina:
In akademischen Kreisen begegne ich kaum offenem Antisemitismus, aber es gibt ihn doch, wenn auch feiner, versteckter und auf höherem Niveau. Oft sehen mich meine Kommilitonen und Kommilitoninnen wegen meines Glaubens als Vertreterin und Expertin für das Judentum, Israel und den Nahostkonflikt.Viele ziehen einen Rückschluss von jüdischem Glauben auf Israel, von Israel auf die Schuld am Nahostkonflikt. Ich denke, hier herrscht noch ein großer Mangel an Wissen und Verständnis. Der jüdische Glauben ist noch lange keine Selbstverständlichkeit in Deutschland.

Was können Universitäten leisten, um dem Diversitätsmerkmal Religion gerecht zu werden?

Anastassia Pletoukhina: Ich denke, dass multireligiöse Räume wichtig sind. Sie schaffen Nähe zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften und den nichtgläubigen Studierenden, aber auch zwischen den Glaubensgemeinschaften und der Universität. So werden die verschiedenen Religionen sichtbar und fester Bestandteil des Hochschulalltags. Ebenfalls dringend notwendig ist eine größere Offenheit hohen religiösen Feiertagen der verschiedenen Glaubensgemeinschaften gegenüber. Klausurtermine und straffe Anwesenheitspflichten verhindern, dass Studierende ihre religiösen Pflichten ausleben können. Hier würde ich mir mehr Rücksicht und Toleranz wünschen.