Interview mit Guyanne Wilson

„Wissenschaftler können auch an Gott glauben“

Das Bild zeigt Guyanne Wilson.
Guyanne Wilson (Foto: Peter Grewer)

Guyanne Wilson kam 2010 als Doktorandin nach Münster und hat ihre Promotion in der Anglistik erfolgreich abgeschlossen. Zuvor studierte die gläubige Katholikin aus Trinidad und Tobago in England und den USA. In ihrer Heimat gehört es dazu, dass Menschen ihren Glauben leben. Daher fiel es ihr schwer, sich in Deutschland einzugewöhnen.

Welche Reaktionen haben Sie in Deutschland in Bezug auf ihre Religion erlebt?

Guyanne Wilson: Meine Religion ist mir sehr wichtig und sie bestimmt meinen Alltag. Ich gehe zum Beispiel jeden Tag in die Messe. An der Universität wird mein Glaube manchmal kritisch gesehen. Immer wieder kommt die Frage, wie ich rational denken und gleichzeitig an Gott glauben könne. An deutschen Hochschulen werden Studierende und Wissenschaftler mit religiösem Glauben scheinbar nur in der Theologie als „normal“ angesehen.

Wie wird in ihrer Heimat mit Religion und religiöser Vielfalt umgegangen?

Guyanne Wilson: In Trinidad und Tobago gibt es unterschiedliche Religionen, die gleichermaßen geachtet werden. Jede Religion hat zum Beispiel bestimmte hohe Feste, die im ganzen Land als gesetzliche Feiertage gelten. Dieser offene Umgang hat die Bevölkerung für die unterschiedlichen Religionen sensibilisiert. Während des Ramadan würde zum Beispiel niemand einen Moslem zum Mittagessen einladen. Auch an der Hochschule selbst sind die unterschiedlichen Religionen präsent: So gibt es islamische, hinduistische und verschiedene christliche Gemeinden.

Wie sollen deutsche Hochschulen kultureller und religiöser Vielfalt besser begegnen?

Guyanne Wilson: Internationale Studierende und Wissenschaftler brauchen eine bessere Betreuung. Oft fehlt es an speziellen Orientierungswochen oder Wohnheimplätzen. Das macht das Einleben schwierig, die internationalen Gäste und die Deutschen bleiben meist unter sich. Zum anderen sollten religiöse Angebote offener kommuniziert werden. Ich selbst habe erst nach eineinhalb Jahren von der katholischen Studierendengemeinde erfahren. In England ist das anders: sehr schnell bekommt man einen Überblick über die religiösen Angebote. In der Cafeteria gibt es auch Essen, das koscher oder halal ist. Solche Angebote fehlen in Deutschland komplett. Hier ist ein Umdenken nötig: Die Menschen müssen respektieren, dass sich Wissenschaft und Glaube nicht ausschließen und unterschiedliche Religionen tolerieren. Für gläubige Menschen gilt das gegenüber Nichtgläubigen ebenfalls.