Interview zum Rahmenvertrag

"Der Rahmenkodex stärkt die Position unserer Hochschulen – bundesweit und international"

Das Foto zeigt Bernadette Stolle, Geschäftsführerin der Landespersonalrätekonferenz der wissenschaftlich Beschäftigten an den Hochschulen in der Trägerschaft des Landes NRW, Ministerin Svenja Schulze und Prof. Dr. Axel Freimuth, Rektor der Uni Köln.
Im Interview gehen Bernadette Stolle, Geschäftsführerin der Landespersonalrätekonferenz der wissenschaftlich Beschäftigten an den Hochschulen in der Trägerschaft des Landes NRW, Wissenschaftsministerin Svenja Schulze und Prof. Dr. Axel Freimuth, Rektor der Universität zu Köln (v.l.), auf verschiedene Aspekte des Rahmenkodex ein. (Foto: Bettina Engel-Albustin / Fotoagentur-Ruhr Moers)

Gute Arbeit an Hochschulen: NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze, Prof. Dr. Axel Freimuth, Rektor der Universität zu Köln, und Bernadette Stolle, Geschäftsführerin der Landespersonalrätekonferenz der wissenschaftlich Beschäftigten an den Hochschulen in der Trägerschaft des Landes NRW, erläutern im Interview die Kernpunkte der Vereinbarung.

Ganz allgemein, was bedeutet für Sie gute Arbeit?

Svenja Schulze: Aus meiner Sicht zeichnet sich gute Arbeit insbesondere durch drei Aspekte aus: Sie wird fair bezahlt; sie ist verlässlich und planbar, sowohl für den Arbeitnehmer als auch für den Arbeitgeber; und sie ist vereinbar mit dem Familienleben, zum Beispiel mit der Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen.

Bernadette Stolle: Hinzu kommt für mich noch, dass Arbeit, die krank macht, jedenfalls keine gute Arbeit sein kann. Im Gegenteil: Gute Arbeit sollte Freude bereiten, denn nur so schafft man es, gesund zu bleiben, sich dauerhaft zu
motivieren und letztlich erfolgreich zu arbeiten.

Axel Freimuth: Da stimme ich zu. Deshalb raten wir den jungen Leuten von Anfang an im Studium genau in sich hineinzuhorchen. Natürlich schaut man auf den Arbeitsmarkt, das ist vernünftig. Aber entscheidend zu wissen ist, welche Arbeit man machen möchte und welche nicht. Noch ein wichtiger Punkt fällt mir beim Stichwort "gute Arbeit" ein: die Perspektiven. Schließlich möchte man nicht nach ein paar Jahren schon am Ende der Fahnenstange angelangt sein.

Frau Ministerin, diese Punkte sollten eigentlich selbstverständlich sein. Dennoch haben Sie gerade mit den Rektoraten und den Personalrätekonferenzen der NRW-Hochschulen einen Rahmenkodex für gute Beschäftigungsbedingungen ausgehandelt. Was war der Auslöser?

Svenja Schulze: Ausschlaggebend für die Überlegungen zu einem Kodex war die große Zahl der befristeten Stellen an Hochschulen, über die 2011 eine öffentliche Debatte einsetzte. Damals sind zwei Studien erschienen. Eine von der HIS GmbH im Jahr 2011 veröffentlichte Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der befristeten Stellen für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler eine Laufzeit von unter einem Jahr aufweist. Und die Kernaussage des zugegeben nicht repräsentativen DGB-Berichts "Arbeitsbedingungen an Hochschulen in NRW" aus dem Jahr 2013 lautete: Jeder vierte Beschäftigte will den Arbeitsplatz Hochschule verlassen, weil er mit den Beschäftigungsbedingungen nicht zufrieden ist. Da haben wir uns natürlich gefragt: Wie kann das sein? Und so war es logisch, dass wir uns zusammensetzen, die Faktenlage prüfen und gemeinsam überlegen, was wir verbessern können.

Frau Stolle, wie nehmen Sie als Arbeitnehmer-Vertreterin die Befristungspraxis der Hochschulen wahr?

Bernadette Stolle: Dass die Beschäftigten in ihrer Qualifizierungsphase auf befristeten Stellen arbeiten, damit haben wir kein Problem, wenn das Qualifizierungsziel innerhalb der Vertragslaufzeit erreicht werden kann. Problematisch ist für uns hingegen, dass auch Daueraufgaben zunehmend befristet werden, zum Beispiel in der Lehre, aber auch im Bereich von Technik und Verwaltung. Dort haben wir heute vermehrt die sogenannte sachgrundlose Befristung, die für zwei Jahre zulässig ist. Und nach diesen zwei Jahren wird die Stelle wieder neu ausgeschrieben. Das schadet im Übrigen auch der Hochschule: Denn das Wissen, das die Menschen in den Köpfen haben, verschwindet ja mit ihrem Weggang. Hier ist also künftig genau zu unterscheiden: Wo ist eine Befristung sinnvoll, und was ist wirklich eine Daueraufgabe? Das ist uns extrem wichtig.

Svenja Schulze: Im Rahmenkodex haben wir uns jetzt darauf geeinigt, dass es bei Promotionen, die in der Regel mindestens zwei oder drei Jahre dauern, keine Verträge mit einer Laufzeit von unter einem Jahr mehr geben darf. Das ist, wie ich finde, ein sehr wichtiger erster Schritt. Und das Gute am Kodex ist, dass er nicht in Stein gemeißelt ist, sondern einen Rahmen vorgibt, der nun an den einzelnen Hochschulen umgesetzt wird, immer mit Blick auf die spezifischen Gegebenheiten vor Ort.

Axel Freimuth: Lehrbeauftragte, beispielsweise im Sprachunterricht, die 20 Jahre ohne Absicherung arbeiten und dann auch noch schlecht bezahlt werden – das geht nicht. An manchen Lehrstühlen mag es Kolleginnen und Kollegen geben, die meinen, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dadurch besonders motiviert seien, weil man ihnen immer nur Dreimonatsverträge gebe. Da kann ich nur sagen: Ich finde das fürchterlich! Andererseits: Das System Hochschule kann nicht jede junge Wissenschaftlerin und jeden jungen Wissenschaftler einstellen. Deshalb müssen Karrierechancen in der Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen genutzt werden. Unsere Aufgabe als Arbeitgeber ist es, solche Fragen zu diskutieren und frühzeitig auch ehrlich zu informieren: Es gibt eine Perspektive für dich im Wissenschaftsbetrieb, oder es
gibt keine.

Ist das Risiko nicht auch abhängig vom Fachbereich?

Bernadette Stolle: Ja. Gäbe es ausschließlich Natur- und Ingenieurwissenschaften, dann hätten wir uns den Kodex vermutlich sparen können, weil viele Hochschulen hier allein wegen des Marktdrucks handeln müssen. Wenn sie da Doktoranden oder Assistenten keine volle Stelle anbieten, dann gehen diese hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in eine andere Forschungseinrichtung oder in ein Wirtschaftsunternehmen. Die wirklich prekären Beschäftigungsbedingungen haben wir dort, wo dieser Marktdruck fehlt: in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Da muss sich etwas zum Positiven verändern.

Wie sieht es an den Hochschulen mit der Vereinbarkeit von Karriere und Familie aus?

Bernadette Stolle: Auch hier spielen Befristungen eine große Rolle, weil sie junge Frauen und Männer davon abhalten, Familien zu gründen. Ich beobachte das an meiner eigenen Hochschule, der Fachhochschule Südwestfalen: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fragen sich, kriegen wir das hin oder nicht, und meistens entscheiden sie sich am Ende gegen die Familiengründung. Dabei spielen auch die Kindertagesstätten eine Rolle. Nicht jede Hochschule kann eine eigene Kita betreiben, zumal wenn sie sich mit ihren Standorten auf verschiedene Städte verteilt.

Svenja Schulze: Gleichwohl haben einige Hochschulen in Nordrhein-Westfalen eine eigene Kindertagesstätte oder aber sie haben Kontingente in städtischen Einrichtungen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter reserviert.

Axel Freimuth: Ohne die Stadt geht es tatsächlich nicht. Wir haben an der Universität Köln 6.000 Beschäftigte und rund 50.000 Studierende – da sind die 80 Betreuungsplätze in unserer eigenen Kita natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir vergeben sie zum Beispiel an Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in der Qualifizierungsphase, oder an neuberufene Professorinnen und Professoren als vorübergehende Lösung. Davon abgesehen versuchen wir in Köln verstärkt, vielversprechende junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Hinblick auf die Familienplanung zu coachen – also frühzeitig mit ihnen zu überlegen, wie sie beides unter einen Hut bekommen, Karriere und Kinder. Darüber hinaus haben wir spezielle Fördertöpfe eingerichtet, die Frauen den Wiedereinstieg nach der Elternzeit erleichtern sollen. Durch Netzwerke mit anderen Arbeitgebern können wir immer häufiger "dual career"-Angebote machen, also auch dem Ehepartner eine Stelle vermitteln. Insgesamt habe ich allerdings den Eindruck, dass das Thema Familienvereinbarkeit noch stärker bei den Männern ankommen muss. Die scheuen sich oft davor, Elternzeit in Anspruch zu nehmen oder auf Teilzeit zu gehen – aus Angst, dass ihnen dadurch Nachteile entstehen könnten.

Im Rahmenkodex haben Sie sich auch auf ein verbessertes Gesundheitsmanagement verständigt. Was steckt dahinter?

Bernadette Stolle: Hier waren wir uns schnell einig. Es geht einerseits um die klassischen Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes: Sind der Bürostuhl und der Monitor richtig eingestellt? Hat das Büro ausreichend Licht, hat es ein Fenster? Das ist längst nicht überall der Fall. Hinzu kommt, dass der Anteil der psychischen Erkrankungen auch an den Hochschulen zunimmt. Unsichere, befristete Arbeitsverhältnisse sind sicherlich Belastungsfaktoren. Gerade das wissenschaftliche Personal neigt allerdings dazu, sich nicht krankschreiben zu lassen, sondern so lange krank zu arbeiten, bis es gar nicht
mehr geht. Diese Probleme überhaupt wahrzunehmen und dann gegenzusteuern, ist eine der Zukunftsaufgaben des Gesundheitsschutzes, die die Hochschulen jetzt auch angehen.

Svenja Schulze: Bei den Verhandlungen haben wir generell gesehen, dass es dazu an ganz vielen Stellen heute schon Konzepte gibt. Und diese Konzepte gilt es jetzt zu optimieren, auszubauen und aufeinander abzustimmen.

Frau Ministerin, inwiefern taugt der jetzt verhandelte Rahmenkodex dazu, NRW als Wissenschaftsstandort im Kampf um die besten Köpfe bundesweit nach vorn zu bringen?

Svenja Schulze: Er wird unsere Position stärken, und zwar nicht nur bundesweit, sondern auch international. Gerade in Europa sind wir ja einer harten Konkurrenz ausgesetzt. Frankreich zum Beispiel bietet seinen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ganz fantastische Bedingungen, dort sind Kinderbetreuung und "dual career"-Modelle fast schon selbstverständlich. Wenn unsere Hochschulen da mithalten und international attraktiv sein wollen, müssen sie sich anstrengen. Gleichwohl dürfen wir bei allem Wettbewerb um wissenschaftliche Exzellenz nicht die vielen Beschäftigten in Technik und Verwaltung vergessen, für die die Hochschule ein ganz normaler Arbeitsplatz ist. Mit dem Kodex haben wir auch für sie eine gute Grundlage geschaffen. Darüber bin ich froh. Als wir die Verhandlungen damals aufgenommen haben, haben viele direkt gesagt, das kann gar nicht klappen. Und es hätte auch nicht geklappt, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht so offen aufeinander zugegangen wären. Ihnen gilt deshalb mein herzlicher Dank. Jetzt geht es darum, den Kodex vor Ort umzusetzen und in den einzelnen Fachbereichen mit Leben zu füllen.

Wie zufrieden sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit der Vereinbarung?

Bernadette Stolle: Es liegt noch viel Arbeit vor uns. Aber auf dem Verhandlungsergebnis lässt sich aufbauen.

Axel Freimuth: Ich denke, dass wir hier einen Entwurf haben, der weiter reicht als alle Selbstverpflichtungen, die es bislang von verschiedenen Gruppen an verschiedenen Standorten gibt. Denn er bezieht explizit die Drittmittel ein, gilt also für wirklich alle Stellen. Das findet Aufmerksamkeit. Ich habe viele Anrufe von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bundesländern bekommen, die wissen wollten, was wir hier machen. Das Thema ist wichtig, denn allein an der Universität zu Köln fließen mindestens 60 Prozent der Mittel in den Personalbereich. Jetzt bin ich gespannt, welche weiteren Lösungen uns einfallen, um die Situation vor Ort noch mehr zu verbessern.

Das Interview führte Daniel Schwitzer, Redakteur der Einstieg GmbH und freier Bildungsjournalist.

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