Tobias Krauthoff über Algorithmen und die Zukunft der Online-Partizipation

Tobias Krauthoff DIID
(Bild: DIID)

Online-Partizipation ist eine Möglichkeit, Bürgerinnen und Bürger an politischen und administrativen Entscheidungen zu beteiligen. Doch obwohl das Internet diese Form der Teilhabe bereits zulässt, wird sie bislang nur vereinzelt in der Praxis eingesetzt. Wie kann eine dialogbasierte  Form der Online-Partizipation bestehende Ansätze verbessern? Das ist die zentrale Frage, mit der sich Tobias Krauthoff im Rahmen seiner Promotion befasst. Der Informatiker, der im Nebenfach Mathematik studierte, verfasst seine Dissertation am Fortschrittskolleg „Online-Partizipation“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Algorithmus – bei diesem Wort läuten bei vielen Menschen sofort die Alarmglocken. Sie denken an undurchschaubare Mechanismen, die ihre persönlichen Daten speichern und weiter verarbeiten, ohne dass sie diesen Prozess kontrollieren können. Ohne Algorithmen ist auch die Online-Partizipation nicht denkbar. Warum sind sie trotz Risiken wichtig?

Natürlich bringen Algorithmen auch Gefahren mit sich, etwa was die Sicherheit bei der Übertragung von Daten angeht. Sie bieten aber vor allem viele Möglichkeiten. Sie bearbeiten komplexe Aufgaben im Bruchteil der Zeit, die ein Mensch dafür brauchen würde. Algorithmen gehören einfach zu unserer modernen Welt dazu. Wenn ich jetzt speziell an das Thema Online-Partizipation denke, glaube ich, dass sie die Hemmschwelle für Bürgerinnen und Bürger senken können, sich an politischen und administrativen Prozessen zu beteiligen. Es ist einfacher, eine defekte Schaukel auf dem Spielplatz mit einer Handy-App zu melden, als den Ansprechpartner zunächst im Telefonbuch suchen zu müssen.

Um die Akzeptanz bei den Nutzern zu fördern und ihnen ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, sollten Algorithmen im Internet öffentlich einsehbar sein. Bestes Beispiel für einen solchen Ansatz ist der Wahl-O-Mat: Dort hat jede und jeder die Möglichkeit, sich die Parteiprogramme anzusehen und so nachzuvollziehen, warum sie oder er eine 80-prozentige Übereinstimmung mit der einen Partei, aber nur eine 20-prozentige mit einer anderen hat. Zwar werden hier die genauen Algorithmen nicht offen gelegt, aber die grundlegenden Daten für eine bessere Transparenz dargestellt.

Denken wir zwanzig Jahre voraus: Wie stellen Sie sich eine Zukunft vor, in der Online-Partizipation zum Alltag gehört?

Ich stelle mir ein Verfahren vor, das die Diskussion im Internet neu strukturiert. Bisherige Foren haben das Problem, dass der Nutzer schnell den Überblick darüber verliert, welche Beiträge sich aufeinander beziehen. In unserem System soll direkt ersichtlich sein, was die beliebtesten Aussagen der Nutzer sind. Außerdem sucht das Programm auf Grundlage der Meinung eines Nutzers sofort nach inhaltlich passenden Beiträgen anderer Teilnehmerinnen und Teilnehmer und zeigt an, welche davon mit der eigenen Ansicht übereinstimmen, welche nicht.

Ihre Aufgabe am Fortschrittskolleg besteht darin, eine solche Form der Online-Partizipation zu entwickeln. Braucht es dazu lediglich Programmierkenntnisse?

Mir geht es nicht nur darum, eine Software zu entwickeln. Sie muss auch erfolgreich einsetzbar sein. Bei der Umsetzung dieses Vorhabens hilft mir der Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern anderer Fachbereiche. Am Fortschrittskolleg treffen sich alle Kollegiatinnen und Kollegiaten einmal monatlich zum gegenseitigen Austausch. Am stärksten profitiere ich von der Zusammenarbeit mit den Soziologinnen und Soziologen, mit denen ich die Software im Rahmen von Benutzerstudien teste und evaluiere. Das ist für mich als Informatiker ein absolut neuer und spannender Bereich, der aber sehr wichtig ist, um am Ende ein Produkt zu erhalten, das vom Nutzer auch angenommen wird.