Aachener Zeitung: "Sie will mehr Sicherheit für junge Wissenschaftler"

17. Dezember 2014: Ministerin Svenja Schulze zum Thema "Gute Arbeit an den NRW-Hochschulen"

Die NRW-Wissenschaftsministerin forscht nach - was an ihren Hochschulen so läuft. Svenja Schulze (SPD) ist viel unterwegs, gerne vor Ort, um sich von der Qualität von Lehre und Forschung zu überzeugen. Nun stand Aachen auf dem Programm, an RWTH wie FH ließ sie sich die aktuellen Entwicklungen zeigen. Und im Redaktionsgespräch erklärte sie Bernd Mathieu und Thorsten Karbach, wie sie aus allen NRW-Hochschulen bessere Arbeitsstätten machen will.

Der Aachener FH-Rektor Marcus Baumann erklärte bei einer Veranstaltung, Hochschulen und Städte seien oftmals noch wie getrennte Welten. Sehen Sie dies auch?

Schulze: Ich bin bei dieser Frage natürlich parteiisch, denn ich stehe für die Wissenschaften. Deswegen wünsche ich mir natürlich maximale Aufmerksamkeit für die spannende Forschung an unseren Hochschulen. Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Aachen oder Jülich und auch in Köln werden in unserem Land besonders stark wahrgenommen. Ich denke, dass hier sichtbar ist, welche große Rolle Hochschule für die Stadt spielt. Natürlich sieht man immer noch zusätzliche Möglichkeiten, denn wir reden hier über zwei auch international herausragende Hochschulen.

Muss das forciert werden - auch damit Absolventen bleiben oder Spin-offs aus den Hochschulen forciert werden?

Schulze: Alle Hochschulen wünschen sich, dass die Absolventen bleiben. Wir haben gerade eine allererste Studie ausgewertet, die ein Bundesland überhaupt zu diesem Thema gemacht hat. Danach bleiben 75 Prozent der Absolventen in NRW. Das spricht für den Standort und gegen die Annahme, dass die meisten wieder gehen - zum Beispiel nach Bayern. Das Gegenteil ist offenbar der Fall. Ich bin gespannt, ob die anderen Bundesländer nun ähnliche Studien vorlegen werden.

Wenn wir von Spin-offs sprechen, dann geht der Blick immer in die USA, wo sogenannte Business Angels, also private Geldgeber, die Gründer großzügig unterstützten. So etwas fehlt in Deutschland ...

Schulze: Ja, und das ist politsch nicht so selbstverständlich, Kapitalgeber zu finden, wie beispielsweise in den USA: Wir können aber gute Rahmenbedingungen schaffen. Wir hatten gerade in Düsseldorf den European Venture Summit, eine internationale Veranstaltung, zu der wir Kapitalgeber eingeladen haben. Da gab es dann zum Beispiel ein Speed-Dating mit jungen Gründern, speziell Gründerinnen. Wir haben die potenziellen Gründer geschult, wie sie kurz und knapp ihre Idee präsentieren, um an Kapital zu kommen. Die Experten nennen dies "Aufzuggespräch" beziehungsweise "Elevator Speach". Die Gründer müssen also in der Kürze einer Aufzugfahrt den Interessenten von ihrer Idee überzeugen können. Die Resonanz auf die Veranstaltung war gigantisch. Es war unglaublich interessant, da liegt wahnsinnig großes Potenzial. Die potenziellen Geldgeber kamen aus aller Welt, etwa aus den Arabischen Emiraten.

Wie kann sich NRW als Wissenschaftsland - außer mit solchen Veranstaltungen - besser gerade gegenüber den südlichen Bundesländern präsentieren?

Schulze: Innerhalb von Deutschland gibt es natürlich diese Nord-Süd-Konkurrenz. Allerdings ist das Wissenschaftssystem international aufgestellt. Gerade hier in Aachen. Und deswegen geht es immer mehr um die europäische Verortung. Wie stehen wir als Wissenschaftsregion europaweit da? Da sind wir in der Konkurrenz zu den großen französischen Wissensregionen - und dann darüber hinaus auch zu den USA und dem asiatischen Raum. Wenn es um die Frage nach Geldern innerhalb Deutschlands geht, dann sitzt die Konkurrenz natürlich in München oder Karlsruhe. Aber bei aller Wertschätzung für nationale Politik, die europäische Ebene ist die, auf der immer stärker gespielt wird.

Inwiefern?

Schulze: Wir haben in der letzten Förderperiode mehr als eine Milliarde Euro von der EU für Forschung in NRW bekommen. Mein Haushalt für Hochschulen und Forschung in NRW beträgt 7,8 Milliarden Euro. Für alles! Da sehen Sie, welche Rolle Europa hat. Da müssen wir unseren Standort bewerben. Wir sind die dichteste Hochschul- und Wissenschaftsregion, hier sind die Wege besonders kurz. Hier schließt Vernetzung auch das persönliche Treffen mit ein. Darin sind wir wirklich gut. Wir müssen aber noch viel stärker im Land darüber reden. Das bleibt eine Herausforderung.

Müssen sich Hochschulen besser vermarkten?

Schulze: Sie müssen sich überhaupt erst einmal vermarkten. Das ist nicht selbstverständlich. Da gibt es an den Hochschulen in NRW deutliche Unterschiede. Sie konkurrieren um die besten Wissenschaftler und zunehmend
auch um Studierende. Die Hochschulen haben unterschiedliche Profile, die müssen sie stärker herausarbeiten. Bisher ging es immer nur um die beste Forschung - und da müssen wir uns nichts vormachen, da sind ja Aachen
und Köln und ein paar andere ganz vorne. Aber es gibt eben noch mehr, was eine Hochschule bieten kann.

Was ist das?

Schulze: Da gibt es ein paar schöne Beispiele: Es gibt Hochschulen, die sind sehr gut in der Integration von Menschen mit Behinderung. Andere wiederum sind sehr gut in der Vernetzung mit der regionalen Wirtschaft. Wieder andere sind besonders gut in der Lehre. Gute Lehre zum Beispiel war lange kein Thema. Es ging immer nur um Forschung. Diese Profile nicht nur herauszubilden, sondern auch bekannt zu machen, das ist gefragt.

Sie sprechen davon, die besten Wissenschaftler nach NRW holen zu wollen. An dieser Stelle sprechen wir über die Arbeitsbedingungen an den Hochschulen. Sie haben das Thema unter dem Begriff "Gute Arbeit" in Ihr Hochschulzukunftsgesetz aufgenommen. Wie wollen Sie die Arbeitsbedingungen ändern?

Schulze: Es gibt zwei Hebel. Auf Bundesebene haben wir das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, in dem mehr Regelungen getroffen werden sollten, um das Leben der Beschäftigten an den Hochschulen zu erleichtern. Dazu haben wir eine Bundesratsinitiative gestartet, wir wollen weniger Befristungen, das Thema soll stärker in der Hand von Arbeitnehmern und Arbeitgebern liegen. Derzeit haben wir eine Tarifsperre, das heißt es kann gar
nicht verhandelt werden. Das wollen wir ändern. Im Land haben wir im Hochschulzukunftsgesetz eine dauerhafte Arbeitsgruppe von Ministerium, Beschäftigten und den Hochschulen als Arbeitgebern vorgesehen
(Anmerkung der Redaktion: nur in NRW sind die Hochschulen auch Arbeitgeber, in den 15 anderen Ländern ist es jeweils das Land) festgelegt, die einen Rahmenkodex formuliert. Das wird eine Art Mindeststandard, den dann alle Hochschulen einhalten.

Was soll dieser Mindeststandard umfassen?

Schulze: Es gab schon etliche Gesprächsrunden, wir sind ziemlich weit und ich gehe davon aus, dass wir Anfang 2015 diesen Kodex miteinander vereinbaren können. Es wird um Fragen gehen wie: Was ist eigentlich eine studentische
Hilfskraft? Was machen wissenschaftliche Hilfskräfte? Das sind noch Streitpunkte. Was ist mit einem gemeinsamen Arbeitsmarkt der Hochschulen? Wenn ich bisher von Aachen nach Köln wechsele, dann verliere ich alle Ansprüche, die ich vorher hatte. Gesundheitsmanagement ist ein Thema, der Umgang mit Befristungen ist ein ganz großes. Im Wissenschaftsbereich wird man nicht ohne Befristung auskommen, aber derzeit werden die Befristungen eher kürzer als länger. Das bedeutet eine enorme Unsicherheit für die Wissenschaftler.

Verständlich...

Schulze: Natürlich. Wir wollen selbstverständlich, dass diese Wissenschaftler zwischen 25 und 40 Familien gründen können, sich niederlassen. Aberall das mit Verträgen über lediglich ein paar Monate? Das geht nicht! Wir reden über eine Entwicklung, die über Jahrzehnte normal war.

Warum wurde das Thema von Ihren Vorgängern nie angegangen, denn dass Befristungen und so weiter für die Beschäftigten schlecht sind, das ist doch schon lange bekannt?

Schulze: Die Wissenschaftler machen ihre Unzufriedenheit darüber immer stärker zum Thema. Wir haben eine Generation, die nicht mehr einverstanden ist mit dem Modell, nach dem der Mann 70 Stunden arbeitet und die Frau zuhause bleibt. Das funktioniert nicht mehr. Es ist nicht mehr nur der ein guter Wissenschaftler, der 70 Stunden pro Woche im Labor sitzt. Es gibt auch Wissenschaftler mit vernünftigen Arbeitszeiten, die für ihr Fach brennen und trotzdem eine Familie und Kinder haben können.

Kann sich NRW als familienfreundlicher Hochschulstandort gerade im internationalen Vergleich von anderen, etwa die renommierten Hochschulen in den USA, abheben?

Schulze: Unsere Hochschulen werden zunehmend familienfreundlicher, und das ist auch dringend notwendig. Versuchen Sie mal, eine französische Wissenschaftlerin zu uns zu holen. Die erwartet ganz selbstverständlich von der Hochschule, dass diese einen Kindergartenplatz bereit stellt, dass sie eine Schule für ihre Kinder bekommt und dass sie eine Wohnung findet. In Frankreich sind die Hochschulen da sehr weit und auch in anderen Staaten ist das selbstverständlich. Ebenso gibt es sogenannte "dual career"-Modelle. Das bedeutet, dass der Partner, der oft auch in den Wissenschaften tätig ist, ebenso eine Anstellung findet und mitkommen kann. Die Hochschulen, die das jetzt auf den Weg bringen, die können einen entscheidenden Vorteil im internationalen Vergleich haben. In Deutschland hat "dual career" leider einen Beigeschmack, hier heißt es gleich, eine Frau oder ein Mann bekäme die Stelle nur, weil er untergebracht werden müsste. Das finde ich ganz falsch.

Was ist denn für Sie eine noch vertretbare Befristung einer Beschäftigung an einer Hochschule?

Schulze: Bei Drittmittelprojekten halte ich es zum Beispiel für sehr sinnvoll, die Befristung an die Dauer des Drittmittelprojektes zu koppeln. Das würde schon einmal mehr Sicherheit schaffen. Ich glaube aber auch, dass wir im Bereich der Wissenschaften ein Beschäftigungsprofil neben der Professur brauchen. Es können nicht alle Wissenschaftler Professor werden, es muss auch Dauerstellen neben den Professuren im System geben. Nennen wir das mal "lecturer", das ist die Bezeichnung in den USA für dieses Stellenprofil. Das neue Hochschulzukunftsgesetz macht es möglich, solche Stellen einzurichten. Ich finde das sehr sinnvoll. Es gibt Aufgaben - auch in der Lehre - die dauerhaft geleistet werden müssen. Die Hochschulen müssen das auch wollen und umsetzen. Sie sind in vielen Städten die größten Arbeitgeber, gute Arbeit muss Priorität haben. Ein Beispiel: Brauche ich in einem Labor nicht immer einen Leiter? Der muss doch immer finanziert werden, den muss ich deshalb nicht befristet anstellen.

Ist der Rahmenkodex am Ende für die Hochschulen bindend?

Schulze: Es ist eine Selbstverpflichtung, die mit allen Hochschulen vereinbart wird. Aber wenn sie vereinbart ist, dann ist sie auch bindend. Der Weg dahin ist nicht einfach. Das ist wie bei ersten Tarifverhandlungen. Die sind auch nicht einfach. Wir sind auch die ersten, die so etwas anstreben und alle anderen Länder schauen genau hin, wie wir das umsetzen. Wenn uns dieser Rahmenkodex glückt, dann wird das abfärben auf andere.

Wie bei ersten Tarifverhandlungen? Also fordern die Hochschulen zuerst mehr Geld von Ihnen, um ihre Mitarbeiter zu entfristen?

Schulze: Klar, die Hochschulen wollen immer mehr Geld. Wenn mal das Gegenteil der Fall ist, dann muss ich mir Sorgen machen. (lacht) Aber das ist doch auch normal. Der Wissensdrang ist unendlich und wer mehr Geld hat, kann mehr Forschung finanzieren. Das Geld ist im Moment dank des Hochschulpaktes nicht das Problem. Es gab noch nie so viel Geld an den Hochschulen. Klar, die Mittel sind bis 2022/2023 beschränkt und damit befristet, aber alle anderen öffentlichen Stellen haben lediglich jährliche Haushalte. Da kann ich erwarten, dass die Hochschulen unter diesen Voraussetzungen auch gut planen können. In der Wirtschaft ist bei einer Anstellung doch auch nicht klar, wie die wirtschaftliche Lage in den nächsten 30 Jahren aussieht. 

 

SVENJA SCHULZE ÜBER...

...Sparmaßnahmen im Land:
"Wir haben seit 2010 25 Prozent mehr Studenten, dann wäre es logisch, wir hätten auch 25 Prozent mehr Etat. Wir haben aber 33 Prozent mehr. Das ist eine gute Situation. Das Land hat diesen Schwerpunkt auf Forschung und Bildung gesetzt. Wir konnten das neue Max-Planck-Institut für 40 Millionen Euro nach NRW holen, und wir
haben ein neues Helmholtz-lnstitut."

...die Zukunft der Philosophischen Fakultät in Aachen, wo die mögliche Schließung der Romanistik für heftige Diskussionen sorgt:
"Ich finde es genau richtig, wie die RWTH das macht. Sie schaut nicht nach Düsseldorf und fragt uns, wie sie das machen soll, sondern sie entwickelt selber ihr Profil. Da wollen wir als Land auch gar nicht rein reden. Wir müssen sicherstellen, dass es in NRW Romanistik flächendeckend gibt."

...Defizite im Lehrangebot in NRW:
"Wir müssen auf die Ausbildung der Lehrer für Berufskollegs aufpassen. Wir brauchen diese Lehrer für unser duales Ausbildungssystem. Es ist absolut relevant, dass wir zum Beispiel Techniklehrer haben. Das war die letzten zwei Jahre eine richtige Herkulesaufgabe, und das bleibt es auch weiterhin."