Aachener Zeitung: "Studiengebühren sind systemfremd'"

28. April 2017: Wissenschaftsministerin Svenja Schulze im Gespräch mit der Aachener Zeitung

Aachen. Am vergangenen Wochenende trat Svenja Schulze (SPD) beim "March for Science" in Bonn auf. Bei der Demonstration für die Wissenschaft und gegen "alternative Fakten" zeigte sich die NRW-Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung mit Blick auf die USA besorgt darüber, "mit welcher Ignoranz von staatlicher Seite Wissenschaft lächerlich gemacht wird". In Deutschland hat die Wissenschaft – zum Glück – einen völlig anderen Stellenwert. Und den versucht Schulze mit Blick auf die Landtagswahlen am 14. Mai in diesen Tagen besonders herauszustellen. Schulze im Gespräch über zu viele Studiengänge, neue Lehrformen an Universitäten und die Rolle der Aachener Forschungsregion in NRW.

Frau Schulze, wie ist denn die Stimmung in der SPD?

Schulze: Die ist gut.

Mehr nicht?

Schulze (lacht): Wenn sich Ihre Frage auf Kanzlerkandidat Martin Schulz bezieht, kann ich Ihnen sagen: Die Stimmung ist tatsächlich eine merklich andere, auch im Landtag. Wenn ich derzeit als Wahlkämpferin unterwegs bin, kommen Leute an unsere Stände, und wollen der Partei beitreten, das kam ja längere Zeit nicht so häufig vor. Ich renne seitdem ständig mit Aufnahmeerklärungen herum.

Können Sie sich diesen "Schulz-Effekt" erklären?

Schulze: Die SPD spricht die richtigen Themen an. Und Martin Schulz macht das als Spitzenkandidat auf eine Art und Weise, die einfach sehr gut bei den Menschen ankommt. Diese positive Stimmung kombiniert mit dem, was wir in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Jahren erreicht haben, sorgt derzeit für eine große Freude im NRW-Landtagswahlkampf.

Nicht besonders erfreut waren vor sieben Jahren die Hochschulleitungen in NRW, als Sie Ihre Pläne der SPD vorstellten.

Schulze: Das stimmt. Da gab es seitens der Hochschulen einige Sorgen. Das hat sich aber inzwischen drastisch geändert.

Was hat sich denn geändert?

Schulze: Ich denke, unsere Politik hat die Hochschulen überzeugt. Bei ihnen ist angekommen, dass die SPD in NRW für eine Politik der Wissenschaft und Forschung steht und die Hochschulen davon stark profitieren. Zudem haben die Hochschulen beim Blick auf andere Bundesländer festgestellt, wie gut es ihnen in NRW geht.

Sie haben die Studiengebühren abgeschafft. Fehlt den Hochschulen dieses Geld nicht?

Schulze: Nein, da können Sie die Hochschulen gerne fragen. Im Vergleich zu 2010 erhalten die Hochschulen rund 54 Prozent mehr Geld. Das ist im Moment wirklich nicht das Problem.

Studiengebühren sind also kein Thema?

Schulze: Mit der SPD wird es keine Studiengebühren geben, Studiengebühren
in Deutschland sind systemfremd. Wir zahlen hohe Steuern, dann muss der Zugang zu Hochschulen auch kostenfrei sein. Wir sind auf innovative Menschen angewiesen, und die bekommen wir nur über unser Bildungssystem.

Viele Hochschulen melden von Jahr zu Jahr Rekordstudienzahlen, zuletzt auch die RWTH und FH in Aachen. Auf der anderen Seite suchen Betriebe händeringend Auszubildende. Haben wir bald eine Akademikerschwemme?

Schulze: Der Begriff Akademikerschwemme hilft uns nun wirklich nicht weiter. Wir brauchen sowohl Meister als auch Master. Wir brauchen Menschen, die studieren und ihr Wissen in die Unternehmen hineinbringen. Und wir benötigen diejenigen, die über eine duale Ausbildung ihren Weg gehen. Genau das passiert aber auch gerade, es haben noch nie so viele Abiturienten eine duale Ausbildung absolviert wie heute. Fest steht aber auch: Die Hochschulen haben zuletzt in den starken Jahrgängen und mit dem Doppel-Abi-Jahrgang Enormes geleistet. Die RWTH wird aber auf jeden Fall auch weiterhin hoch attraktiv bleiben, zumal bei künftig wieder leicht sinkenden Studierendenzahlen. Was sich aber ändern wird, ist die Zusammensetzung der Studenten, also weniger Bachelor- dafür mehr Masterstudierende.

Nach wie vor gibt es viele Studienabbrecher, in den Ingenieurswissenschaften schließt Statistiken zufolge nur jeder zweite sein Studium ab. Wie wollen Sie die Zahl verringern?

Schulze:Wir müssen schon in den Schulen ansetzen und Schulabsolventen mehr Orientierung bieten. Hier in Aachen gibt es zudem mit dem Nullten Semester eine beispielhafte Zusammenarbeit zwischen Universität und Fachhochschule. Den angehenden Erstsemestern wird so eine gute erste Orientierung geboten.

Allein in NRW gibt es rund 2100 Studiengänge. Ist da eine gewisse Orientierungslosigkeit angehender Studenten nicht programmiert?

Schulze: Auf der einen Seite sollen Hochschulen eigene Profile bilden. Das tun sie auch, und das ist auch gut. Dadurch entstehen aber auf der anderen Seite viele spezielle Studienrichtungen. 2100 Studiengänge allein in NRW sind definitiv zu viele. Sie können ja heute kaum noch rein BWL studieren, es ist immer BWL mit einem bestimmten Schwerpunkt. Hochschulen müssen in diesem Zusammenhang klarer in ihrem Angebot werden.

Nehmen die Hochschulen diese Kritik auf?

Schulze: Diese Debatte wird jetzt kommen. Hochschulen haben ein ebenso großes Interesse daran, Studierende zu gewinnen, die gezielt nach bestimmten Studiengängen suchen. Damit das gelingt, muss das System aber durchschaubarer werden. Um die Zahl der Studienabbrecher allerdings deutlich zu senken, muss noch mehr getan werden.

Was genau?

Schulze: Früher hat der Professor den Studierenden zu Beginn des Studiums mitgeteilt, dass ihre Sitznachbarn in einigen Monaten nicht mehr neben ihnen sitzen werden. Nur die besten Studierenden zu halten, schien lange ein hohes Ziel der Hochschulen. Heute lautet aber die Herausforderung: Die Lehre an den Hochschulen muss sich verändern, sie muss individueller werden. Und sie muss die nicht mehr aufzuhaltende Digitalisierung aufgreifen und in neue, moderne Lehrmodelle integrieren.

In Aachen blickt man derzeit fieberhaft auf die Exzellenzstrategie. Die RWTH hat ihre Antragsskizzen für Exzellenzcluster vor einigen Wochen eingereicht. Wie sehen Sie die Chancen der Hochschule?

Schulze: Zunächst einmal bin ich mit der Vereinbarung, die Bund und Länder hinsichtlich der Finanzierung getroffen haben, sehr zufrieden. Für die Hochschulen gibt es dadurch nun eine Chance auf eine verstetigte Finanzierung, das freut die Hochschulen. Auch für eine Uni wie die RWTH, die meiner Meinung nach sehr gute Chancen hat, vorne mit dabei zu sein. Die RWTH ist wissenschafts- und forschungsstark, das hat sie immer bewiesen. Trotzdem bekommt sie das Etikett "Exzellenz" nicht geschenkt, das ist richtig harte Arbeit.

Geht es bei der Exzellenzstrategie wirklich um das Etikett und nicht viel mehr um das Geld, das exzellente Hochschulen dann erhalten?

Schulze: Das Geld ist nicht das Entscheidende. An die RWTH gehen 2017 zum Beispiel insgesamt rund 380 Millionen Euro an Investitionen und Zuschüssen, aber nur knapp elf Millionen aus der Exzellenzinitiative. Es geht natürlich
auch um das Renommee. Das ist eine Leistungsschau. Eine Hochschule, die sich exzellent nennen darf, hat mehr Strahlkraft. Und zwar über Nordrhein-Westfalen und Deutschland hinaus. Der beste Beweis dafür sind die vielen internationalen Studierenden, die für gerne nach Aachen kommen.

Wo wir bei einem Aachen-typischen Problem wären: Viele junge Menschen kommen hierher, um die Region nach dem Studium wieder zu verlassen. Wie können diese Menschen in der Region und damit in NRW gehalten werden?

Schulze: Drei von vier Studierenden, also 75 Prozent, bleiben schon jetzt nach dem Studium, nur Bayern hat eine höhere Zahl. Der Schnitt in den Ländern liegt bei lediglich 60 Prozent. Das spricht doch für sich, spricht für NRW. Trotzdem müssen wir noch stärker vorzeigen, was NRW, was diese Region schon jetzt zu bieten hat. Was zum Beispiel hier in Aachen gelingt, ist die Vermarktung von innovativen Forschungsideen. Der an der RWTH entwickelte Wundkleber, der vor kurzem vom Pharmaunternehmen Grünenthal gekauft wurde, ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Davon benötigen wir noch mehr
in NRW.

Am 14. Mai entscheiden die Wähler: Was wäre Ihr wichtigstes Anliegen für eine weitere Amtszeit?

Schulze: Im Zentrum steht ganz klar die stärkere Digitalisierung, das ist eine große Herausforderung für die Hochschulen. Der zweite große Komplex ist der Wissenschaftstransfer. Also die Frage: Wie kriegen wir eigentlich mehr von dem Wissen, das wir in den Hochschulen haben, in die Gesellschaft hinein? Und das dritte ist die schon erwähnte Veränderung der Lehre. Diese Punkte sind von enormer Bedeutung und müssen politisch sehr eng begleitet werden.