Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten: "Die Abbrecherquote ist nicht mehr tolerabel"

9. Dezember 2013. NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze stellt das Hochschulzukunftsgesetz vor. Sie sieht die Notwendigkeit von mehr Transparenz und Frauenquoten.

Interview Aachener Nachrichten Ministerin Schulze

Es geht um die Zukunft der Universitäten und Hochschulen des Landes. Das macht der Titel des neuen Gesetzes unmissverständlich klar. „Hochschulzukunftsgesetz“ ist der nun vorliegende Entwurf überschrieben, für den NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze verantwortlich zeichnet. Im Oktober 2014, pünktlich zum Wintersemester, soll es in Kraft treten. Worum es der SPD-Ministerin genau geht, erläutert sie im Interview während eines Redaktionsbesuchs.

Es gab unter der Rüttgers-Regierung die Wende zur großen Autonomie der Hochschulen, jetzt befürchten die Hochschulen eine Entwicklung in die andere Richtung. Was ist Ihr Ziel mit dem Hochschulzukunftsgesetz?

Svenja Schulze: Ein Gesetz ist keine Abrechnung. Es geht um die Zukunft. Und die aktuelle Debatte zeigt, dass auch von den Hochschulen mehr Transparenz verlangt wird. Das ist überall Thema, wo öffentliches Geld ausgegeben wird. Das werden wir mit den Hochschulen umsetzen. Wir brauchen transparentere Strukturen. Ein zweiter wesentlicher Punkt: Die ehemalige Landesregierung hatte die Fiktion, dass wenn bei 37 Hochschulen jede für sich plant, am Ende Landesinteresse rauskommt. Doch das ist nicht so. Das sieht man am Beispiel Berufsschullehrer.

Inwiefern?

Schulze: Wir finden keine mehr. Es ist für die einzelne Hochschule nicht attraktiv, um Berufsschullehrer zu werben. Wir müssen da zu einer stärkeren gemeinsamen Planung kommen. Wir haben jetzt ein Notfallprogramm aufgelegt, damit Fachhochschulen und Universitäten zusammenarbeiten, um eine gemeinsame Ausbildung für Berufsschullehrer zu schaffen. Aber das muss systematisch ablaufen. Es kann nicht sein, dass wir erst einen Mangel haben, und dann reagieren.

Notfallprogramm klingt dramatisch.

Schulze: Es ist dramatisch. Die Lehrerinnen und Lehrer fehlen.

Aber deswegen gibt es nicht das Hochschulzukunftsgesetz. Was ist über das genannte hinaus die Motivation?

Schulze: Da ist beispielsweise noch das Thema Abbrecherquote. Die Abbrecherquote gerade im technischen Bereich ist nicht mehr tolerabel. Wir haben zwischen 30 und 45 Prozent Abbrecher. Und wir wissen darüber zu wenig.

Ist das mehr als in anderen Bundesländern?

Schulze: Nein, aber wir wollen in Nordrhein-Westfalen vorne sein. Das heißt: Bei sinkenden Studierendenzahlen und steigendem Fachkräftebedarf werden wir uns verstärkt darum kümmern müssen, erfolgreiches Studieren zu ermöglichen. Und die Studierenden heute sind vielfältiger als früher. Wir haben mehr junge Leute mit Migrationshintergrund – gerade in den technischen Fächern –, viel mehr Frauen, ältere, die nach einem Bachelor wieder an die Hochschule kommen, wir haben die 17-Jährigen aus dem doppelten Abiturjahrgang. Darauf müssen sich Hochschulen einstellen, und dafür müssen wir die richtigen Rahmenbedingungen schaffen können.

Es gab erstmal Kritik am Entwurf des Gesetzes. Sind Sie verblüfft über die Resonanz?

Schulze: Nein, das ist normal. Einige wollen, dass wir nichts ändern. Andere wollen die Hochschulen wieder in Landesverantwortung. Wenn wir den Mittelweg wählen, bekommen wir von beiden Seiten Kritik.

Wenn sie Rektorin der RWTH wären, was würden Sie monieren?

Schulze: Extra für die RWTH haben wir einen Paragraphen geändert, um die Kooperation mit dem Forschungszentrum Jülich weiter zu forcieren. Was sollte ich da monieren? Die Frage der Transparenz ist natürlich auch für die RWTH eine große Herausforderung. Wir hatten gerade erst die Diskussion um militärische Forschung. Wenn auch die RWTH in geeigneter Weise offenlegt, an was sie forscht, dann wird man so eine Diskussion nicht mehr haben. Jedenfalls nicht mit dieser landesweiten Aufmerksamkeit. Auch die Frage des erfolgreichen Studiums würde mich als Rektorin beschäftigen. Das ist ein Punkt, den sich die RWTH bereits vorgenommen hat. Auch sie will die Abbrecherquote so nicht mehr tolerieren. Und auch die Frage, mehr Frauen für Professuren zu gewinnen, hat sich die RWTH bereits im Rahmen der Exzellenzinitiative vorgenommen. Das wird durch das Gesetz unterstützt.

Das Thema Gleichberechtigung und mehr Frauen in den Wissenschaften spielt eine zentrale Rolle. Worin liegt die große Bedeutung?

Schulze: Im internationalen Vergleich sind wir bei diesem Thema ganz weit hinten. Das ist wirklich peinlich. Sie bekommen keine französische Wissenschaftlerin nach Deutschland, wenn wir nicht unsere Strukturen verändern. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat erfolgreich ein Kaskadenmodell eingeführt. Und wir halten es für das richtige Modell, das wir nun auch auf die Hochschulen übertragen. Man schaut immer: Wie viele Frauen sind auf einer unteren Ebene und erklären dies zum Ziel für die höhere Ebene. Wenn sie sieben Prozent Doktorandinnen in der Physik haben, dann sollten es auch sieben Prozent bei den Professorinnen sein. Das Landesgleichstellungsgesetz fordert heute 50 Prozent – und das gilt auch für die Hochschulen. Und das wäre wirklich schwer zu erreichen. Wir wollen jetzt realistische Ziele setzen und die Hochschulen müssen Pläne aufstellen, wie sie diese erreichen wollen. Aber wir haben immer noch Strukturen, die verhindern, dass Frauen in wichtige Positionen kommen.

Gibt es aktuell überhaupt ausreichend Professorinnen, um die Vorgaben zu erfüllen?

Schulze: Die RWTH hat sich beispielsweise vorgenommen, campusweit 20 Prozent Professorinnen zu haben – was sehr ambitioniert ist. Aber solche Ziele, bei denen man erstmal durchatmet, sind wir von der RWTH durchaus gewöhnt. Und sie werden dann auch meistens erreicht.

Welche Konsequenz hätte es, wenn die Vorgaben im Sinne der Gleichberechtigung von Hochschulen nicht erfüllt werden?

Schulze: Wir denken im Moment nicht in Sanktionen sondern in Belohnungen, weil das im Wissenschaftsbetrieb besser funktioniert. Es soll ein Anreizsystem sein. Wir müssen nach vorne schauen.

Früher hieß es an den Hochschulen, man sei nicht dazu da, die schlechte Schulpolitik der Landesregierung zu kompensieren.

Schulze: Erstens: Die Schulpolitik ist nicht schlecht. Zweitens: So würde es auch gar nicht funktionieren. Ich kann nicht sagen: Du hast nicht genug gelernt, nun schau, wie du hier klar kommst. Wir sind ein großer Industriestaat und haben einen enormen Bedarf an Fachkräften. Wir haben qualifizierte junge Leute, die hervorragend in Mathematik sind, aber Schwierigkeiten im sprachlichen Ausdruck in Deutsch haben. Dann können wir doch nicht sagen: Schade, Dich nehmen wir nicht, wir machen lieber die Firma zu, weil wir keinen Nachwuchs finden. Die Unterschiede, die wir bei den Studierenden haben, müssen wir ausgleichen und das Niveau gleichzeitig hochhalten. Es gibt genug junge Leute, die mit etwas Unterstützung etwa in der Sprache ihr Studium schaffen würden.

Die Qualität muss stimmen.

Schulze: Richtig, wir müssen das Niveau halten. Aber wir müssen uns auch stärker um die Studierenden kümmern. Ich zitiere da Hannelore Kraft, die sagt: Wir dürfen kein Kind zurücklassen. Das kann ich auf das Studium übertragen: Wir können kein Talent zurücklassen. Das können wir uns als Gesellschaft nicht mehr leisten. Wir haben diesen enormen Bedarf an Fachkräften.

Was ist konkret neu im Gesetz?

Schulze: Das Studium wird flexibler. Wir wollen individuellere Studienzeiten schaffen. So können wir Raum für Brückenkurse schaffen. Bisher hängt alles an der Regelstudienzeit, und der Studierende muss in dieser Zeit fertig werden. 70 Prozent der Studierenden arbeiten nebenher. Das können wir nicht ignorieren. Wir werden dazu im nächsten Jahr ein großes Projekt „Erfolgreich studieren“ vorstellen. Wir investieren in NRW sechs Milliarden Euro in unsere Hochschulen, da kann es uns nicht gleichgütig sein, wenn Studierende abbrechen.

Ist das ein Weg, den Hochschulen gemeinsam gehen müssen?

Schulze: Wir wollen, dass die Hochschulen insgesamt stärker zusammenarbeiten. Klar, Wissenschaft braucht Konkurrenz. Aber es kann nicht alles über Konkurrenz laufen. Es braucht auch Kooperationen, um Kräfte zu bündeln. Die Kooperation von RWTH und Forschungszentrum Jülich zeigt, dass es möglich ist. Wenn sie heute ein Auto bauen, dann brauchen sie den Batterietechniker aus Münster, den Chassisbauer aus Jülich und die Antriebsexperten aus Aachen. Auch den Klimawandel können sie nicht an einer Universität lösen, da müssen sie international kooperieren.

Aber durch die Exzellenz-Initiative wurde der Fokus sehr stark auf die Qualität des Einzelnen gelegt. Passt das zusammen?

Schulze: Es war absolut richtig, derart auf die herausragende Forschung zu schauen. Die RWTH ist eine Exzellenz-Universität. Die Initiative hat gezeigt, wo die Universität besonders gut ist – und eben auch, wo es Kooperationsmöglichkeiten gibt. Was bei der Exzellenz-Initiative bislang zu kurz kommt, ist die Qualität der Lehre.

Der Kampf um die besten Köpfe zwischen den Hochschulen läuft weiter.

Schulze: Klar, der Kampf um die besten Köpfe muss auch sein. Hier in Aachen sitzen fantastische Forscherinnen und Forscher in den technischen Bereichen. Die werden in Zukunft mehr denn je mit herausragenden Soziologen zusammenarbeiten müssen. Und die sitzen vielleicht an anderen Standorten. Diese Kooperation zwischen richtig guten Leuten ist unsere Herausforderung.

Und das trauen Sie den Hochschulen alleine nicht zu?

Schulze: Doch, aber ich glaube, dass wir sie unterstützen können.

Aber macht es Sinn, dass sich eine exzellente Universität mit Stärken in den technischen Disziplinen überhaupt Soziologie leistet?

Schulze: Ihren Fächerkanon werden die Hochschulen weiterhin bestimmen.

Aber der Entwurf des neuen Gesetzes sagt schon, dass die Kapazitäten der Studiengänge möglichst ausgeschöpft werden.

Schulze: Wenn wir Fächer mit einer Auslastung von 39 Prozent und andernorts von 170 Prozent haben, dann werden wir schauen müssen, wie sinnvoll diese Angebote sind. Da können wir den Hochschulen nicht aufbürden, das alleine miteinander hinzubekommen.

Warum nicht?

Schulze: Weil wir als Land eine Verantwortung haben. Wir müssen da hinschauen und einen solchen Prozess moderieren. Es braucht Planung im Sinne des Landesinteresses.

Das Interview führte Thorsten Karbach, Aachener Zeitung/ Aachener Nachrichten.