Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten: NRW will Vorbild in Talentförderung sein

20. Juli 2015: Svenja Schulze im Gespräch: Sagen Sie mal, Frau Wissenschaftsministerin, profitiert das Land schon vom Hochschulzukunftsgesetz?

Nordrhein-Westfalens Hochschulen müssen sich umstellen. Ende 2014 ist das neue Hochschulzukunftsgesetz auf den Weg gebracht worden. Nun geht es um die Umsetzung – die Hochschulen werden mit Themen wie der Aufwertung des Arbeitsplatzes Hochschule, der gezielten Frauenförderung oder auch der Transparenz in Sachen Forschung konfrontiert. NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) kann dabei von ersten Erfolgen berichten.

Mit der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen hat die erste Hochschule in NRW den Rahmenkodex für gute Beschäftigung unterzeichnet. Damit ist ein zentrales Thema des neuen Hochschulzukunftsgesetzes umgesetzt. Was löst diese Nachricht in Ihnen aus?

Schulze: Ganz große Freude. Der Rahmenkodex war im Vorfeld nicht einfach zu verhandeln. Das Thema ist etwas vollkommen Neues für die Hochschulen. Sie sollen befristete Beschäftigungsverhältnisse abbauen, mehr Familienfreundlichkeit aufbauen. Das sind für die Arbeitnehmer an den Hochschulen ganz wichtige Themen, für die meisten Hochschulen ist es aber auch ein großer Schritt. Deswegen freue ich mich, dass es nun so schnell gegangen ist, dass mit der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen bereits eine Hochschule diesen ja verbindlichen Kodex unterschrieben hat. Ich gehe davon aus, dass schon bald weitere Hochschulen folgen werden.

Wie viel Zeit bleibt den anderen Hochschulen für die Umsetzung?

Schulze: Bis zum Herbst müssten es alle schaffen. Jede Hochschule diskutiert das in ihrem Senat – das wird spätestens direkt nach den Sommerferien der Fall sein.

Beim Landes-Asten-Treffen LAT wurde der Rahmenkodex „Gute Arbeit“ kritisiert, er sei nicht weitreichend. Das LAT fordert einen Tarifvertrag für Hilfskräfte. Wie sehen Sie diese Forderung?

Schulze: Die Unterzeichnung ist ein Riesenerfolg gewesen. Die Hochschulen als Arbeitgeber, die Landespersonalrätekonferenz und die Gewerkschaft sind aufeinander zugegangen und haben ein großartiges Ergebnis erzielt, das eine Zierde für unser Land ist. Eine Kommission mit Mitgliedern aus Hochschulen, Personalräten und Ministerium wird nun die Umsetzung und Fortentwicklung begleiten und kann zum Beispiel Verbesserungsvorschläge erarbeiten.

2014 war das Jahr der Einführung des neuen Hochschulzukunftsgesetzes. Nun geht es um die Umsetzung der neuen Vorgaben. Bis wann spätestens werden Sie diese einfordern?

Schulze: Es gibt einen klar vereinbarten Zeitplan: Bis zum 1. Oktober müssen alle Grundordnungen der Hochschulen entsprechend angepasst werden – insbesondere in Bezug auf die stärkeren Beteiligungsmöglichkeiten der Studierenden. Die ersten veränderten Grundordnungen erreichen uns bereits zur Genehmigung, es gibt auch immer wieder Nachfragen der Hochschulen. Sie sind da sehr engagiert. Diese stärkere Beteiligung wird bis zum 1. Oktober ganz sicher umgesetzt sein.

Sie wollen außerdem die Chancen von Wissenschaftlerinnen steigern. Wie ist da der Stand im Zuge des neuen Gesetzes?

Schulze: Bei diesen Bemühungen sind wir in NRW im bundesweiten Vergleich schon weit vorne und wollen das Thema nun noch weiter voranbringen. Die RWTH Aachen hat beispielsweise im Zuge der Exzellenzinitiative unabhängig vom neuen Gesetz bereits gute Schritte gemacht. Bei diesem Thema muss ich immer zurückblicken: Als ich vor fünf Jahren damit angefangen habe, wurde ich belächelt. Jetzt macht die nur noch Frauenförderung, hieß es da noch geringschätzig. Heute sagt das keiner mehr. Allen ist die Dringlichkeit bewusst. Im internationalen Vergleich – gerade in den technischen Fächern – liegen wir beim Frauenanteil bis hin zu den Professuren auf den hinteren Plätzen. Das kann nicht unser Anspruch sein, und das können wir uns überhaupt nicht leisten. Für unser Ziel, dies zu ändern, werden wir aber wohl noch einige Zeit dicke Bretter bohren, aber wir machen das, keine Frage.

Für Wirbel sorgt vor dem Gesetz die Handhabung der Transparenz bei Forschungsprojekten. Es wurde um die Forschungsmillionen aus der Industrie gefürchtet. Wie sind in diesem Punkt die ersten Erfahrungen?

Schulze: Wie es zu erwarten war: Da ist es ganz ruhig geworden. Denn die Angst war komplett unbegründet.

Was empfinden Sie eigentlich bei dieser Ruhe?

Schulze: (lacht) Mir war von Anfang an klar, dass sich die Qualitäten des Gesetzes mit der Zeit entfalten werden. Jetzt sind wir bei der Umsetzung, und da sieht es gut aus. Es gibt schon andere Länder, die sich das sehr genau anschauen.

Welche anderen Themen beschäftigen sie derzeit stark?

Schulze: Da ist vor allem der Hochschulpakt III. Wir bekommen 7,6 Milliarden Euro für zusätzliche Studienplätze, wir müssen vor allem mehr Masterplätze schaffen. Das werden wir tun.

Der doppelte Abiturjahrgang müsste mittlerweile komplett an den Hochschulen oder in Ausbildung sein. Die Erstsemesterrekordjahrgänge steuern nun auf den Master zu. Dort ist zweifellos Bedarf. Wie werden Sie diesen decken wollen?

Schulze: Mit einem zusätzlichen Programm schaffen wir mindestens 65 000 neue Masterplätze bis zum Jahr 2020. Finanziert wird dies aus dem Hochschulpakt mit rund 700 Millionen Euro. Wir brauchen aber auch weiterhin viele Bachelorplätze. Hohe Studierendenzahlen werden uns noch eine Weile begleiten.

Aber auf lange Sicht werden die Studentenzahlen abnehmen…

Schulze: Nicht zuletzt deshalb ist unser mit 22 Millionen Euro finanziertes Projekt Talentscouting von so großer Bedeutung. Wie können wir die jungen Menschen erreichen, die aus hochschulfernen Elternhäusern kommen? Wir haben ein Zentrum zur Talentförderung eingerichtet, sind auch damit bundesweit Vorbild, sieben Hochschulen werden schon in der ersten Phase mit dabei sein. Talent wird nicht mit dem Geldbeutel der Eltern vergeben. Wenn es heißt, wir dürfen kein Kind zurücklassen, dann müssen wir auch weitergehen und sagen: Wir müssen alle Talente sich entfalten lassen. Wir brauchen diese Talente in diesem Land. Das muss ein gesellschaftlicher Anspruch sein.