Career Service Papers: Berufsorientierung im Studium – frühzeitig beginnen, Expertise nutzen

20. Januar 2016: Wissenschaftsministerin Svenja Schulze im Gespräch mit Career Service Papers

Individuelle Beratung als die beste Unterstützung beim Finden des richtigen Berufs­- und Lebenswegs

Ein Gespräch mit Svenja Schulze, Wissenschaftsministerin des Landes
Nordrhein­Westfalen.

csp: Als Wissenschaftsministerin sind Sie für die Hochschulen zuständig. Wie sind Ministerium und Hochschulen, wie sind Ihre Arbeit und die Arbeit der Hochschulen miteinander verknüpft?

Svenja Schulze: Also verknüpft sind Hochschule und Ministerium ja formal darüber, dass die Hochschulen den überwiegenden Teil ihres Geldes vom Land bekommen. Das Land wird von der Landesregierung vertreten, die vom gewählten Parlament kontrolliert wird. Das ist das Formale. Aber im Grunde genommen sind wir Partner. Die Landesebene hat die Aufgabe, durch die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen gute Forschung und Lehre an den Hochschulen zu ermöglichen.

Was bedeutet für Sie ganz konkret, dass Forschung und Lehre eng verknüpft sind?

Forschung und Lehre sind Kernaufgaben der Hochschulen, wie sie im Gesetz auch festgelegt sind. Die Hochschulen sind dafür verantwortlich, Forschung nach vorne zu bringen. Und jeder einzelne Wissenschaftler, jede einzelne Wissenschaftlerin soll ihre Forschungserkenntnisse in der Lehre an die nächsten Generationen weitergeben.

Und die jungen Absolventen tragen dieses Wissen dann in verschiedene berufliche Kontexte...

...natürlich, das ist ein wichtiger Effekt. Dem Studium folgt der berufliche Einstieg, in der Wissenschaft oder draußen in der Wirtschaft. Es ist unsere Aufgabe, dass wir die Übergänge gut hinkriegen. Das ist heute eine sehr komplexe Geschichte und braucht unbedingt Beratung und Begleitung, und zwar durch reale Menschen. So schön das mit dem Internet ist: Das kann vorbereiten, kann persönliche Beratung aber nicht ersetzen.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht bei diesem Orientierungsprozess die hochschulischen Career Services?

Wie gesagt: Die berufliche Orientierung ist ein komplexer Prozess, der in der Schule beginnt und einen während der gesamten Berufstätigkeit begleitet. Das Studium ist eine wichtige Station, um sich Fachwissen anzueignen, bietet den Studierenden zugleich aber auch die Möglichkeit, Kompetenzen zu erwerben, wie sie ihre beruflichen Entwicklung gestalten können. Hier spielen die Career Services eine wichtige Rolle. Das NRW-Wissenschaftsministerium hat bereits in den 1990er-Jahren erste Career Services als Leuchtturmprojekte an Hochschulen aufgebaut. Heute sind diese Einrichtungen bundesweit etabliert.

Was halten Sie von Arbeitsmarktprognosen? Sollten sich Studieninteressierte schon bei ihrer Studiengangswahl danach richten?

Auf gar keinen Fall! Das finde ich genau den falschen Weg. Niemand kann wirklich in die Zukunft schauen. Die Arbeitsmarktentwicklung unterliegt vielen Einflussfaktoren, die nur schwer alle prognostizierbar sind. Und ein Studium sollte man in erster Linie nicht wegen externer Prognosen aufnehmen, sondern weil man eine Leidenschaft für ein Fachgebiet hat. Ein Studium ist ein anspruchsvolles Projekt, da muss man sich an der einen oder anderen Stelle auch mal durchbeißen. Und das schafft man nur, wenn man eine gewisse Leidenschaft für das Thema mitbringt, wenn man die notwendigen Fähigkeiten dafür hat. Individuell zu gucken, was sind meine Fähigkeiten und Interessen, das finde ich entscheidend.

Was können Hochschulen für Studierende tun, um ihnen während des Studiums bei diesem Entscheidungsprozess zu helfen?

Ich glaube, dass passende Beratungsangebote wichtig sind, dass man jemanden findet, mit dem man qualifiziert sprechen kann. Und diese Kontaktperson braucht Expertise – sowohl hinsichtlich der Beratungskompetenz als auch in Bezug auf Berufsfeldwissen und Arbeitsmarktkontakte.

Es gibt Studiengänge, mit denen sind bestimmte Berufsbilder fest verknüpft. Wenn ich zum Beispiel Zahnmedizin studiere, dann ist nachher relativ klar, was ich  beruflich  machen  werde. Wenn  ich jetzt  Sozialwissenschaften  oder  Germanistik studiere, dann gibt es da sehr viele Möglichkeiten.

Was können Hochschulen tun, um ihren Studierenden hier Hilfestellungen anzubieten?

Dabei ist notwendig, dass individuelle Entwicklungsprozesse unterstützt werden. Und in dem Zusammenhang ist wichtig, dass an den Hochschulen die hohe Zahl der Studierenden, die wir ja jetzt zum Beispiel durch den doppelten Abiturjahrgang und das veränderte Studienverhalten haben, nicht als Masse wahrgenommen wird. Wir müssen jeden einzelnen Studierenden sehen und dafür brauchen wir individuelle Beratungsmöglichkeiten, gerade für Studierende in Studiengängen, die auf kein klar definiertes Berufsbild hinauslaufen. Und für die Studierenden ist es wichtig, die Offenheit zu haben, diese Unterstützung auch anzunehmen.

Was heißt für Sie "gute Karriere"? Haben Sie ein Bild im Kopf von jemandem, der eine supertolle Karriere gemacht hat?

"Supertolle Karriere" heißt für mich, dass jemand mit dem, was er macht, zufrieden ist. Für mich geht es da nicht zuerst um das große Geld, sondern darum, etwas Sinnvolles zu tun, das, worin man selbst aufgeht, was einem Spaß macht.

Und gibt es noch einen Tipp, den Sie Studierenden  geben können, wenn es um die Perspektive nach dem Studium geht?

Ich finde es ganz wichtig, dass man auch wirklich zum Ende kommt. Ich kenne genug Leute, die aus Angst davor, dass sie nicht genau wissen, was nach dem Studium kommt, erstmal noch weiter an der Hochschule bleiben und weiter studieren. Das halte ich in vielen Fällen für problematisch. Man sollte sich früh genug Gedanken über die Perspektive nach dem Abschluss machen. Also mein Tipp wäre: Nicht erst in der Endphase des Studiums gucken, sondern sich möglichst schon während des Studiums Input holen, etwa welche Berufsfelder für mich in Frage kommen könnten. Und wie bereits gesagt: Die Career Services an unseren Hochschulen unterstützen hier intensiv.

Einen weiteren Aspekt würde ich gerne ansprechen: Das Handwerk sucht Auszubildende, gleichzeitig soll die Studierendenquote eines Jahrgangs erhöht werden. Wie geht man damit um? Es geht ja nicht beides.

Also es können, es sollen alle studieren, die die Fähigkeiten dazu haben. Aber auf gar keinen Fall muss jeder studieren. Wir haben ein fantastisches duales Ausbildungssystem. Es gibt im Moment so einen Druck zu sagen, alle müssen studieren. Das halte ich nicht für richtig. Jeder muss für sich finden, was zu ihm selbst passt. Wenn man schon Schule nervig findet und keinen Bock mehr hat auf diese Art des Lernens, dann ist Hochschule vermutlich das Falsche. Vielleicht ist es dann gut, eine duale Ausbildung zu machen. Wir sollten uns individuell den einzelnen Menschen anschauen. Was kann die Einzelne, was kann der Einzelne? Was kann er, was kann sie daraus machen? Und dann schaut man, dass man damit eine berufliche Orientierung findet. Und es ist ja auch längst nicht mehr so, dass man einen Beruf erlernt, ein Studium macht, in einen Job geht und dann in diesem Job nach 40 Jahren pensioniert wird. Im Laufe seines Lebens wird man weiterlernen müssen und dafür werden die Hochschulen meines Erachtens immer wichtiger werden. Es ist notwendig, dass die Hochschulen auch Weiterbildung anbieten, dass man mit Anfang 40 da noch mal hingeht und sich ganz gezielt weiter qualifiziert. Abfolgen und Verschränkungen von beruflicher und akademischer Bildung werden zukünftig viel vielfältiger werden. Ich sehe da keinen Konflikt. Die Handwerksbetriebe machen heute bei uns in NRW mit einer Fachhochschule zusammen ein triales Studium, wo man eine Ausbildung, Meisterbrief und ein BWL-Studium macht. Wunderbar, diese Vermischung, diese Verschränkung und die größere Durchlässigkeit des Systems.

Da wären wir dann beim Thema Studienabbruch. Wie beurteilen Sie diesen Aspekt?

Ich denke, wenn jemand merkt, dass ein Hochschulstudium nicht der richtige Weg ist, dann sollten wir Brücken bauen in andere Ausbildungssituationen. Genauso wie wir heute Elemente aus der dualen Ausbildung oder aus dem Beruf beim Zugang in die Hochschule anerkennen, müssen Leistungen auch in die andere Richtung anerkannt werden. Wenn jemand an der Hochschule schon zwei Scheine in einem bestimmten Bereich gemacht hat, warum soll er das in der dualen Ausbildung noch mal machen? Auch hier geht es wieder um Durchlässigkeit und um individuelle Wege. Und ja, Studienabbruch, das kann passieren. Man kann sich im Leben auch mal falsch entschieden. Das ist aber nichts Dramatisches. Man muss dann einfach nur einen neuen Weg finden. Und da ist es dann auch wichtig, die Beratungsangebote, die es gibt, wahrzunehmen.

Ganz vielen Dank für das Gespräch.

Ich sag vielen Dank!