dapd: "Die Debatten über Plagiate haben dem Ansehen des Doktortitels geschadet."

27. März 2013: NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze über das Ansehen des Doktortitels und neue Kontrollsysteme.

Düsseldorf (dapd). Zahlreiche Politiker haben in den vergangenen Monaten mit Plagiaten und verlorenen Doktortiteln für Schlagzeilen gesorgt. Spätestens die Affäre um Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) führte zu einer grundsätzlichen Debatte über den Umgang mit Plagiaten. Mit NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) sprach dapd-Korrespondent Christian Wolf über das Ansehen des Doktortitels und neue Kontrollsysteme.

dapd: Guttenberg, Koch-Mehrin, Schavan und viele mehr: Die Fälle von Plagiaten und verlorenen Doktortiteln häufen sich. Hat die deutsche Wissenschaft ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Schulze: Wenn man ehrlich ist, gibt es gar nicht auffallend viele Plagiate, sondern auffallend viele prominente Fälle. Allein in Nordrhein-Westfalen haben wir 5.000 Promotionen pro Jahr. Im Verhältnis dazu gibt es nur eine verschwindend geringe Zahl an Plagiaten. Von einem Glaubwürdigkeitsproblem kann da nicht die Rede sein. Wir haben nach wie vor sehr hohe wissenschaftliche Standards in Deutschland.

dapd: Also gibt es nur ein paar schwarze Schafe und eine verzehrte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit?

Schulze: Jeder Fall schadet der Wissenschaft, denn es handelt sich um kriminelles, betrügerisches Vorgehen, das geahndet werden muss. Diese schwerwiegenden Verstöße sind aber nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Die große Mehrheit unserer Doktoranden geht mit großem Engagement an die Sache heran. Wir müssen jetzt daran arbeiten, dass dieses auch wieder erkennbar wird. Die intensiven Debatten über Plagiate haben dem Ansehen des Doktortitels geschadet. Es muss Vertrauen zurückgewonnen werden.

dapd: Da wäre es natürlich am besten, wenn Plagiate erst gar nicht auftreten. Wie kann dies gelingen?

Schulze: Gegen diese Form von Betrug gibt es leider keinen hundertprozentigen Schutz. Aber die Wissenschaftsgemeinde schaut bereits jetzt genau hin und in der Regel ist sie es selbst, die Betrugsfälle ans Licht bringt. Ein wichtiger Ansatz ist dabei die Betreuung der Doktoranden.

dapd: Werden diese schlecht vorbereitet?

Schulze: Nein, die Betreuung ist schon jetzt sehr gut. Aber es gibt immer Verbesserungspotenzial. Schon seit einigen Jahren habenwir in Nordrhein-Westfalen sogenannte Promotionskollegs, in denen die jungen Wissenschaftler intensiv betreut werden. Dort gibt es gemeinsame Seminare und gleich mehrere Professoren begleiten einen Promovenden. Über diese Herangehensweise fallen Leute, die abschreiben wollen, viel schneller auf.

dapd: Durch den Fall Schavan wurde auch viel über den grundsätzlichen Umgang mit Plagiatsvorwürfen diskutiert. Dazu gehörte auch, den Universitäten die Kontrolle zu entziehen und eine übergeordnete Prüfungsinstanz zu schaffen. Was halten Sie davon?

Schulze: Vorrangig sollte der Wissenschaftsbetrieb selbst das Für und Wider diskutieren. Aus meiner Sicht sollten Promotionen, die dezentral vergeben werden, auch dezentral überprüft werden können. Die Vorstellung, dass wir für alle Fachbereiche eine zentrale Stelle haben, die sich um Plagiatsvorwürfe kümmert, scheint wenig praktikabel. Es gibt rund 1.800 Studiengänge in Nordrhein-Westfalen. Welche Kommission will denn da noch den Überblick behalten? Bei dem Ausmaß an Wissen sollten wir die Experten vor Ort auch befragen können.

dapd: Diese Experten können aber auch befangen sein, wenn die eigene Universität im Mittelpunkt steht.

Schulze: Das Eigeninteresse der Fakultäten zur Aufklärung von Plagiatsfällen ist sehr hoch. Man kann aber immer noch etwas verbessern. Dieser Impuls muss aber aus dem Wissenschaftssystem kommen. Dort sollte diskutiert werden, was der beste Umgang mit solchen Betrügereien ist. Ich will da keine politischen Vorgaben machen. Wenn die Wissenschaft entscheidet, dass es einfacher ist, in zentralen Gremien über Plagiate zu entscheiden, dann können wir das gerne machen. Ich bin für alle Vorschläge offen.

dapd: Erwarten Sie, dass die derzeitigen Debatten die Zahl der Promotionen sinken lassen?

Schulze: Wer sich für eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer akademischen Frage entscheidet, lässt sich hoffentlich davon nicht abschrecken. Um sich über mehrere Jahre mit einem einzigen Thema zu beschäftigen, braucht es eine hohe innere Motivation. Das macht man nicht einfach so.