Deutschlandfunk: "Jetzt muss es um die Qualität gehen"

30. Juni 2015: Ministerin Svenja Schulze zum Thema "Erfolgreich Studieren"

Fast jeder dritte Studierende in Deutschland schmeißt irgendwann sein Studium, das kann daran liegen, dass er oder sie sich schlecht überschätzt hat mit theoretischer Physik oder praktischer Informatik, das kann auch daran liegen, dass die Hochschulen nicht genug tun, um eine immer buntere heterogenere Studentenschaft optimal zu fördern. So oder so, jeder Studienabbruch ist für den Staat rausgeworfenes Geld. Daran will Nordrhein-Westfalen jetzt etwas ändern, und zwar mit Zuckerbrot und Peitsche. Bisher bekommen die Hochschulen für jeden neuen Studierenden 20.000 Euro aus dem sogenannten „Hochschulpakt“, ab 2016 gibt es nur noch 18.000 Euro, dann aber für jeden Absolventen noch eine sogenannte Abschlussprämie von 4.000 Euro.

Svenja Schulze, Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, im Gespräch mit Manfred Götzke.

Ist die neue Kopfprämie die Strafe für die Hochschulen, die jahrelang zu wenig gegen den Studienabbruch getan haben?

Schulze: Nein, das ist jetzt ein Anreiz, sich wirklich darum zu kümmern, dass die Studierenden, die die Hochschulen haben, dass man die auch erfolgreich zu einem Abschluss führt. Und dafür wird jetzt eben auch Geld zur Verfügung gestellt, sodass Maßnahmen ergriffen werden können, dass Personal eingestellt werden kann, damit das wirklich möglich ist.

Warum hat es denn bisher nicht geklappt?

Schulze: Das war in dem bisherigen System des Hochschulpaktes nicht so einfach möglich, das ist ja über Bund und Land gemeinsam finanziert – jeweils Hälfte Hälfte. Und durch wirklich zähe Verhandlungen von Nordrhein-Westfalen ist es gelungen, so eine Komponente in den Hochschulpakt hineinzubekommen.

Sie belohnen jetzt diejenigen Hochschulen, die es schaffen, Studierende bis zum Abschluss zu bringen. Mittelbar bestrafen Sie die Hochschulen, die das nicht so gut schaffen, die ja gerade noch mehr Geld für bessere Studierbarkeit, für mehr Vorkurse Geld ausgeben, Geld in die Hand nehmen müssten.

Schulze: Na ja, bis jetzt gab es 20.000 Euro für die zusätzlichen Studierenden, die die Hochschulen aufgenommen haben. Jetzt gibt es 18.000 Euro direkt zu Beginn und noch einmal 4.000 Euro Abschlussprämie. Das ist etwas, glaube ich, wo alle Hochschulen gut mit leben können und wo man jetzt einfach auch einen Anreiz hat, die Studierenden zu einem Abschluss zu führen und sich Gedanken zu machen über neue Formen der Lehre, um wirklich Studierende dann auch da abzuholen, wo sie sind.

Welche Gedanken müssten sich die Hochschulen machen? Es gibt ja Abbruchraten von bis zu 50 Prozent in manchen Fächern.

Schulze: Ich glaube, dass man eine ganze Menge verändern kann, dass zum Beispiel die Lehre innovativer werden muss. Wenn ich mir das ansehe, was an der FH Köln läuft im Bereich „Flipped Classroom“, da hat man es geschafft, einfach über eine Veränderung der Technik das Niveau zu erhöhen, in den Kursen mehr Studierende wirklich zu einem erfolgreichen Abschluss dieses Kursus zu bringen, und auch die Lehrenden sind damit zufrieden. Also, da geht was, da ist deutlich mehr möglich. Bisher hat immer im Vordergrund gestanden, dass wir es schaffen, die vielen neuen Studierenden auch aufzunehmen, und jetzt muss es um die Qualität gehen.

Wie definieren Sie denn Studienabbruch? Ist für Sie ein Student, der im ersten Semester von Wirtschaftsinformatik in die Informatik wechselt ein Studienabbrecher, der die 4.000 Euro dann nicht reinholt?

Schulze: Na ja, im Moment gibt es ja keine Studienverlaufsstatistik. Wir können im Grunde genommen nur Schwundquoten berechnen. Also, da gibt die Statistik noch nicht viel her. Was ich möchte ist, dass die Hochschulen sich damit auseinandersetzen, ob das Studium studierbar ist und wie Studierende da überhaupt rauskommen, und dass sie wahrnehmen, dass die Studierenden sich verändert haben. Früher haben mal fünf Prozent eines Jahrgangs studiert, das war eine relativ homogene Gruppe junger Männer, heute studieren Männer und Frauen, Menschen mit Kindern, es studieren sehr viele ausländische Studierende bei uns, und darauf müssen sich die Hochschulen auch in ihrer Lehre einrichten.

Aber um da noch einmal nachzufragen: Es ist bei dem System momentan so, dass jemand, der wechselt, als Abbrecher gezählt wird und dann die Hochschule entsprechend 4.000 Euro nicht bekommt?

Schulze: Wir zählen gar nicht den einzelnen Studierenden, es gibt keine Studienverlaufsstatistik, sondern wir zählen: Wer hat am Anfang angefangen, also diejenigen im ersten Hochschulsemester, also wer von einer Hochschule auf die andere wechselt, zählt an der zweiten Hochschule auch nicht mehr als Studienanfänger, sondern wirklich nur das erste Semester an einer Hochschule zählt, und dann können wir sehen, welche Leute schließen ab. Dazwischen gibt es keine Statistiken oder Erhebungen bisher.

An der jeweiligen Hochschule, also, wer an einer Hochschule anfängt und dort abschließt, der ist erfolgreicher Absolvent, wer wechselt, ist das nicht – für die Hochschulen gezählt.

Schulze: Ja, je nachdem an welche Hochschule er wechselt, ist er natürlich für die Hochschule, wo er dann ist, ein erfolgreicher Absolvent. Also, das verändern wir jetzt eben. Bisher gab es nur eine Prämie im ersten Hochschulsemester, danach hat keiner mehr hingeguckt. Und wir wollen jetzt eben ein bisschen genauer darauf achten, dass die Studierenden auch abschließen.

In manchen Fächern sind Studienabbrüche häufiger als in anderen, Mathematik, Physik kann man da nennen, da überschätzen sich Studierende auch häufiger als möglicherweise in anderen Fächern. Bestrafen Sie mit der Prämie letztlich Hochschulen mit hohem MINT-Anteil?

Schulze: Nein, wir wollen Anreize geben, dass gerade diese Hochschulen sehr transparent machen, was das Leistungsniveau ist, weil das Leistungsniveau werden wir nicht absenken, sondern wir brauchen ja diese qualitativ hochwertigen Abschlüsse der Absolventinnen und Absolventen. Wir wollen, dass die Hochschulen transparent machen, was die Anforderungen sind, dass sie Brückenkurse bieten, dass sie gerade in Mathe, in Sprachen, das sind die Hauptprobleme wohl im Moment, dass sie da Einstiegsmöglichkeiten ins Studium bringen. Wir unterstützen das auch. Es gibt zum Beispiel den „Studifinder“, ein Internetangebot, wo man sich selber auch einschätzen kann. Also, wir wollen, dass die Hochschulen insgesamt darauf Aufmerksamkeit richten. Und es kommt übrigens auch bei den Hochschulen sehr gut an, die ja auch sagen: Wir müssen da genauer hingucken, wir müssen neue Dinge  entwickeln und uns auf die Studierenden auch einstellen.

Sie haben gerade gesagt, das Niveau wollen Sie nicht absenken, aber diese Gefahr besteht doch. Also, es könnte ja dazu führen, dass Hochschulen das Niveau absenken, um Studierende durchzuwinken, um dann eben das Geld zu bekommen. Es geht ja um enorme Summen letztlich.

Schulze: Ja, aber das ist keine Alternative für die Hochschulen. Wenn die Hochschulen das Niveau absenken, das wird sehr schnell dann auch ruchbar werden, und es gibt ja jetzt schon einen Wettbewerb um gute Studierende, und die werden nicht dahin gehen, wo einem der Abschluss hinterherge-schmissen wird, und es gibt ein Akkreditierungssystem. Also, jeder Studiengang muss ja von einer Akkreditierungsagentur akkreditiert werden, und da kann man auch nicht einfach so mal sagen, ich senke mal hier das Niveau ab. Das geht nicht.

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