Flurfunk: G8/G9 - Droht uns das Uni-Chaos?

Das Zentrum der Macht, zumindest für Nordrhein-Westfalen, befindet sich in Düsseldorf. Genauer, im nordrhein-westfälischen Landtag. Genau dort führten wir nun unser erstes Politisches Interview. Nach schnellen Verhandlungen mit ihrem Assistenten,haben wir schließlich kostbare 30 Minuten der Wissenschaftsministerin Svenja Schulze ergattert. Wohl bemerkt, dass vor und nach uns renommierte Journalisten vom ZDF und der Süddeutschen Zeitung der Ministerin ein Statement abverlangten. Wir, vom Flurfunk, gehörten ja schließlich auch dazu. Besonders der momentane Andrang an Uni und Hochschule war Schwerpunkt unsers Gespräches. Wie wird es für den Jahrgang G8/G9 nächstes Jahr aussehen? Werden die Unis wieder aus allen Nähten platzen? Die Antworten erhielten wir also aus erster Hand.

Flurfunk: Jeder kennt das Bild: Studenten sitzen in überfüllten Vorlesungen auf den Treppen, weil der Platz nicht reicht. Nächstes Jahr werden nun zwei Jahrgänge gleichzeitig Abitur machen. Droht das Uni-Chaos, weil doppelt so viele Erstsemester an die Hochschulen strömen?

rau Schulze: Obwohl es doppelter Abi-Jahrgang heißt, wird es nicht doppelt so viele Erstsemester geben. Das liegt daran, dass nur an den Gymnasien zwei Jahrgänge gleichzeitig Abitur machen, für Gesamt- und Berufsschulen gilt das nicht. Außerdem werden viele Abiturienten zunächst ein Freiwilliges Soziales Jahr oder ähnliches machen. Unterm Strich rechnen wir damit, dass es im kommenden Jahr etwa 20 Prozent mehr Erstsemester – 130.000 statt 100.000 - geben wird. Trotzdem ist das natürlich viel. Damit kein Chaos ausbricht, bereiten wir die Hochschulen seit Jahren auf den doppelten Abi-Jahrgang vor. Wir haben viele neue Studienplätze geschaffen, vor allem in den Studiengängen, die sehr beliebt sind. Das sind Betriebswirtschaftslehre, Germanistik und Technik. Darüber hinaus bauen wir die Räumlichkeiten aus und stellen neues Personal ein. Wir nehmen 10 Milliarden mehr für die Hochschulen in die Hand, damit wir auch mit dem doppelten Abi-Jahrgang ein gutes Studium gewährleisten können.

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Wissenschaftsministerin Svenja Schulze im Gespräch mit der Schülerzeitung Flurfunk
Mitten im Interview kommt zufällig die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft durch die Tür und setzt sich zu uns in die Runde.

Flurfunk: Es wird also keine Engpässe geben?

Frau Schulze: Wir geben unser Bestes. Trotzdem ist zum Beispiel das Fach BWL in Köln immer überlaufen und das werden wir auch im nächsten Jahr nicht ändern können. Gleichzeitig sind in Düsseldorf noch einige Plätze frei. Ich rate daher den Abiturientinnen und Abiturienten, flexibel zu sein. Wenn es in Köln zu voll ist, sollte man auch offen für Düsseldorf oder Münster sein.

Flurfunk: Haben Sie noch mehr Tipps für die Abiturienten im doppelten Abi-Jahrgang?

Frau Schulze: Das Wichtigste ist, dass man sich selber klar macht: Was macht mir Spaß? Was kann ich? Wo bleibe ich dran, auch wenn es schwierig wird? Ein Studium bekommt man nicht geschenkt, da muss man richtig was leisten. Deshalb sollte man sich über die Studienwahl genaue Gedanken machen. Heute haben wir 1.800 Studiengänge, das ist unübersichtlich, bietet aber die Chance, wirklich das zu machen, was man möchte. Studienfinder im Internet können helfen herauszufinden, wo die eigenen Neigungen sind. Zusätzlich sollte man sich persönlich beraten lassen. Dazu haben wir die Studienberatung ausgebaut. Ein Tipp von mir: Wir brauchen händeringend Berufsschullehrer für den technischen Bereich. Wer sich dafür interessiert, sollte nicht zögern, in diese Richtung zu gehen.

Flurfunk: Sie haben gesagt, dass im nächsten Sommer 30.000 Studenten mehr an die Unis kommen als üblich. Das wäre fast ein ganzes Fußballstadion voll. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer fordert jetzt, Kasernen in Studentenwohnheime umzubauen. Wie sieht die Situation in NRW aus?

Frau Schulze: Wir haben ein Programm aufgelegt, mit dem ab jetzt jedes Jahr 750
Plätze in Studentenwohnheimen dazu kommen. Zwar wollen die meisten jungen
Menschen lieber in WGs wohnen, aber ein Zimmer im Wohnheim ist mit Sicherheit besser als gar nichts. Trotzdem bleibt es in den Städten, in denen der Wohnungsmarkt sowieso schwierig ist, also in Köln, Aachen oder Münster, für Studierende schwer. Deshalb fahre ich durch das ganze Land, spreche mit den Bürgermeistern und werbe dafür, dass sie auch etwas tun, um die Wohnraumsituation zu verbessern. Es wird trotzdem an manchen Orten eng werden.

Flurfunk: Schon jetzt bekommen Studierende oft viel zu spät ihr Bafög ausgezahlt und wissen dann kaum, wie sie über die Runden kommen. Wie wollen Sie das ändern, wenn es im Sommer noch mehr Studenten gibt?

Frau Schulze: Die Studentenwerke arbeiten schon jetzt am Anschlag. Da zehn Prozent der Studierenden einen Antrag auf Bafög stellen, können wir schon heute ungefähr sagen, was im nächsten Jahr zusätzlich auf sie zukommt. Deshalb findet sich im nächsten Haushalt 25 Prozent mehr Geld für die Bafög- Verarbeitung. 

Flurfunk: Letzte Frage: Vor zwei Jahren haben Sie die Studiengebühren abgeschafft, was hat sich seitdem geändert?

Frau Schulze: Wir haben für viele Menschen die Hürde zum Studium gesenkt. Gerade Abiturienten, die aus weniger finanzstarken Elternhäusern kommen, haben sich früher häufig gegen ein Studium entschieden, weil sie sich die Gebühren einfach nicht leisten konnten. Auch ohne Studiengebühren ist Studieren ja nicht umsonst. Wohnung, Bücher und Lebensunterhalt müssen trotzdem bezahlt werden.

Das Interview führten SEBASTIAN TANABE und NIKLAS PETERS.