Landescluster NanoMikroWerkstoffePhotonik.NRW (NMWP.NRW): „Innovation ist eine Frage guter Vernetzung“

12. Februar 2016: Innovationsministerin Svenja Schulze im Gespräch mit NMWP.NRW über Nordrhein-Westfalen, Innovation, Vernetzung und Zukunft

NMWP: Frau Ministerin, was ist das Besondere an der Innovationskultur in NRW?

Schulze: Kennzeichnend ist die hohe Dichte an Instituten und Unternehmen sowie die Orientierung an Lösungsbeiträgen zu aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen. Die Innovationsstärke NRWs resultiert dabei zweifelsfrei aus dem erfolgreichen Zusammenspiel zwischen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Nordrhein-Westfalen ist nicht nur einer der bedeutendsten Industriestandorte Europas, sondern auch ein herausragender Wissenschaftsstandort. 72 Hochschulen und mehr als 50 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen haben ihren Sitz in NRW - darunter zwölf von Bund und Ländern gemeinsam finanzierte
Max-Planck-Institute, 13 Fraunhofer Institute, drei Fraunhofer Anwendungszentren sowie eine Fraunhofer Projektgruppe und elf Leibniz-Institute sowie drei Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft und ein Helmholtz-lnstitut in Münster. Hinzu kommen 15 vom Land geförderte Institute der Johannes-Rau-Forschungsgemeinschaft. Sie alle leisten einen wichtigen Beitrag für den schnellen Transfer von Wissen und Technologie in Gesellschaft und Wirtschaft.

NMWP: Die Voraussetzungen für Innovation und Fortschritt in NRW sind also ausgesprochen gut - wo sehen Sie die Herausforderungen und Handlungsbedarf für die Zukunft?

Schulze: Wir leben in einer dynamischen Welt. Wandel geschieht auf verschiedensten Ebenen - sowohl gesellschaftlich als auch in Forschung, Industrie und Technologien. Bereits bei der Entwicklung von Technologien und Lösungen werden gesellschaftliche Bedarfe in Zukunft noch mehr berücksichtigt werden müssen. Im Hinblick auf die technologisch möglichen Antworten zu den aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen sind hier systemische Innovationen besonders spannend und vielversprechend, zum Beispiel Technologien, die in den unterschiedlichsten Anwendungsbereichen zum Einsatz kommen.

NMWP: Wie sehen Sie die Bedeutung der Schlüsseltechnologien Nanotechnologie, Mikrosystemtechnik, Neue Werkstoffe und Photonik in diesem Kontext?

Schulze: Diese Technologien sind dadurch, dass sie branchenübergreifend wirken in sämtlichen Leitmärkten NRWs von essenzieller Bedeutung. Zum Beispiel sind Innovationen beziehungsweise die Entwicklung neuer Produkte in sämtlichen Leitmärkten abhängig von den eingesetzten Werkstoffen. So sind in vielen Bereichen Innovationen ohne die Querschnittstechnologie "Neue Werkstoffe" nicht möglich. Die Schlüsseltechnologien haben dementsprechend auch volkswirtschaftlich eine große Bedeutung: Zum Beispiel stehen die Neuen Werkstoffe in NRW mit über 1 Mio. Beschäftigten, über 200 Mrd. € Umsatz und über 10.000 Unternehmen und Forschungseinrichtungen für eine tragende Säule der Wirtschaft und des Wohlstands in Nordrhein-Westfalen.

NMWP: Schlüsseltechnologien sind hoch spezialisiert. Und dennoch sind sie in sämtlichen Industrien einsetzbar. Wo sehen Sie hier die größten Herausforderungen?

Schulze: Zentrale Aufgabe bei den Schlüsseltechnologien ist es, die Verknüpfung der Technologieanbieter mit den Anwendern in den zahlreichen Branchen bis hin zum endgültigen Nutzer in der Gesellschaft herzustellen. Gerade bei den Schlüsseltechnologien ist die Anwendung selten auf nur eine Branche beschränkt. Hier hilft bei der Orientierung die Leitmarktstrategie Nordrhein-Westfalens. Insbesondere auch die Vernetzungs-Arbeit der Cluster wie Ihrem leistet hier wertvolle Beiträge. Dazu gab es Ende 2015 eine interessante Studie der ETH Zürich, die im Ergebnis klar herausstellte, dass in Clustern aktive Unternehmen und Institutionen deutlich erfolgreicher sind als weniger vernetzte Akteure.

NMWP: Stichwort "Fortschritt" - gibt es weitere Punkte, die hier eine Rolle spielen?

Schulze: Ich sehe eine besondere Notwendigkeit bei den Schlüsseltechnologien im Transfer der Forschungsergebnisse in den konkreten gesellschaftlichen
Nutzen, und das bedeutet im ersten Schritt, in am Markt erfolgreiche Produkte. Hierbei nehmen Start-ups und kleine Unternehmen eine besondere Position ein. Sie sind es oft, die gerade jungen Technologien erst den Zugang zum Markt schaffen. Diese Start-ups und Fortschrittskeime werden oft von Jungakademikerinnen und Jungakademikern gegründet und geführt. Wir müssen diese jungen Talente fördern und sie auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit mit günstigen Rahmenbedingungen unterstützen. Denn je reibungsloser die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Forschung und Mittelstand funktioniert, desto besser gedeiht der Wirtschaftsstandort NRW. Daher ist mir wichtig, dass Forschungsergebnisse zügig umgesetzt werden, wenn sie die Chance bieten, das Leben der Menschen wirklich zu verbessern. Hierzu haben wir die Initiative "HochschulStart-up.NRW" gestartet. Sie umfasst verschiedene Programme, die darauf zielen, Wissen zu schützen sowie den Austausch von Wissen zu intensivieren und wirtschaftlich zu nutzen.

NMWP: Heutige Innovationen gehen oftmals Hand-in-Hand mit dem Thema "Nachhaltigkeit". Thermoelektrische Generatoren sind ein aktuelles Beispiel hierfür. Frau Schulze, wie schätzen Sie Technik und Einsetzbarkeit Thermoelektrischer Generatoren, kurz TEG, ein?

Schulze: Das Potenzial Thermoelektrischer Generatoren ist enorm: In den letzten Jahren konnte der Wirkungsgrad bereits deutlich gesteigert werden - hinsichtlich einfachen Aufbaus, Zuverlässigkeit und Lebensdauer sind TEG jedoch schon heute allen anderen Verfahren überlegen. Deshalb haben wir vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. eine Studie zur Technologie der Thermoelektrischen Generatoren und dem daraus entstehenden Potenzial für Nordrhein-Westfalen erstellen lassen. Das Ergebnis und die Handlungsempfehlungen haben uns in unserer Einschätzung bestätigt.

NMWP: Inwiefern hat das Ergebnis der DLR-Studie Ihre Strategie beeinflusst - auch vor dem Hintergrund der Klimaschutzziele und der Energiewende?

Schulze: Gerade in NRW bietet sich ein großes Potenzial für eine Vernetzung von Wärmeerzeugung und -nutzung. Die Verknüpfung von Energieeffizienz und -sicherung, Ressourcenschonung und Innovation in Forschung und Industrie ist notwendig für Fortschritte hin zu einer effizienten, nachhaltigen und ökonomischen Wirtschaft, die die Wettbewerbsfähigkeit NRWs in allen Leitmärkten auch in Zukunft stärkt. Das Thema "Umweltschutz" wird fast schon zu einem sehr willkommenen "Nebenprodukt".

NMWP: Anfang Februar startet Ihr TEG-Förderprogramm. Welches Ergebnis würden Sie sich hierfür wünschen?

Schulze: Die größte Hürde beim Einsatz Thermoelektrischer Generatoren in der Industrie ist das Fehlen etablierter Herstellungstechnologien. Es gibt kaum Lösungen "von der Stange". Die Herstellung individueller Module ist jedoch sehr kostenintensiv. Durch die Pilotprojekte möchten wir beweisen, dass es sich lohnt, mehr "standardisierte Lösungen" für ganze Industriebereiche zu entwickeln. Damit bieten wir mit diesem Förderprogramm nicht nur die Möglichkeit, den Wirkungsgrad der TEG weiter zu erhöhen, sondern tragen auch zur Entwicklung von kosteneffizienteren TEG-Modulen bei, die in größeren
Stückzahlen zum Einsatz kommen können.

NMWP: Herzlichen Dank für das Gespräch.