WAZ: "Wir haben zu viele Studiengänge"

6. Februar 2017: Wissenschaftsministerin Svenja Schulze im Gespräch mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung

Um 50 Prozent stieg der Etat für Hochschulen und Kliniken in NRW seit 2010 auf 6,4 Milliarden Euro. Warum NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) trotz dieser enormen Ausgaben auf Studiengebühren verzichten will und weshalb sie in der Forschungspolitik des neuen US-Präsidenten auch eine Chance für NRW sieht, erklärt sie dieser Zeitung. Das Gespräch führten Andreas Tyrock und die Redakteure Matthias Korfmann und Christopher Onkelbach.

Es gibt inzwischen so viele Studiengänge, dass junge Leute nicht mehr wissen, was sie studieren sollen. Kann man den Dschungel lichten?

Svenja Schulze: Es gibt rund 2100 Studiengänge in NRW, und ich finde, dass sind zu viele. Ein Schulabgänger hat es heute schwer, den für ihn richtigen Studiengang zu finden. Wir müssen dieses Problem mit den Hochschulen angehen, um die Zahl der Studiengänge zu reduzieren oder zumindest die gröbsten Auswüchse zu bekämpfen.

Zum Beispiel?

Es gab sogar mal außerhalb von NRW einen Studiengang "Management of Coffee Making" extra für eine große US-Kette. So etwas ist nicht in Ordnung. Ein Studium muss breites Wissen vermitteln, nicht nur Spezialkenntnisse für einzelne Unternehmen.

Wird die Regierung Trump die Kontakte der NRW-Unis in die USA beeinflussen?

Was man aus den USA hört, ist erschreckend. Manche Forschung wird von der dortigen Regierung gar nicht mehr gewollt. Das Förderprogramm für die Geisteswissenschaften ist sofort eingestellt worden. Klimaforscher sichern eilig ihre Daten, weil auch diese Forschung nicht mehr erwünscht ist. Wir bedauern diese Entwicklung sehr, aber wir hoffen auch, dass es uns jetzt leichter fällt, herausragende Wissenschaftler anzulocken.

Das heißt, die NRW-Wissenschaft könnte von der politischen Entwicklung in den USA profitieren?

Ja. Wir werben verstärkt um amerikanische Wissenschaftler und um solche, die in die USA gegangen sind und nun an eine Rückkehr denken. Da hilft es, dass es in NRW schon lange ein erfolgreiches Rückkehrer-Programm gibt.

Baden-Württemberg will Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer einführen. Ein Modell für NRW?

Nein. Wir wollen keine Studiengebühren. In einer Zeit, in der wir mehr Fachkräfte brauchen, dürfen wir Menschen nicht mit Gebühren vom Studieren abschrecken. Bildung muss gebührenfrei sein, und zwar vom Kindergarten über Schule bis zum Studium. Wir wollen auch, dass der Weg zum Meistertitel gebührenfrei wird.

Bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung liegt Nordrhein-Westfalen im Ländervergleich weit zurück. Das Land gibt nur knapp zwei Prozent vom Bruttoinlandsprodukt aus, Bayern mehr als drei. Verpasst NRW den Anschluss?

Die Statistik ist irreführend. Die Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung speisen sich aus Investitionen der öffentlichen Hand und der Wirtschaft. In NRW gibt der Staat einen Euro, den zweiten die Wirtschaft. In Baden-Württemberg aber investiert die Industrie sehr viel mehr, hier beträgt das Verhältnis eins zu vier, in Bayern etwa eins zu drei. In NRW ist die Wirtschaft eben nicht so forschungsstark. Das Land gibt mit einem Wissenschaftsetat von insgesamt 8,45 Milliarden Euro bundesweit die größte Summe für diesen Bereich aus.