Westfalium Extra: Nachgefragt bei der Ministerin

1. Juli 2016: Ministerin Schulze im Gespräch mit Westfalium Extra

Seit sechs Jahren ist Svenja Schulze Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung. Seitdem hat sich in der Hochschul- und Forschungslandschaft einiges getan. Westfalium sprach mit der Ministerin darüber, wie ihr umstrittenes Hochschulzukunftsgesetz in der Praxis ankommt, worin Westfalen forschungstechnisch Spitze ist und warum es aber keine eigene medizinische Fakultät für Ostwestfalen geben wird.

Im September 2014 trat zum Start des Wintersemesters das Hochschulzukunftsgesetz (HZG) in Kraft. Dafür haben Sie insbesondere wegen der Offenlegungspflicht von Drittmitteln viel Gegenwind bekommen. Wie sieht die Lage nun, fast zwei Jahre später, aus? Klappt die Zusammenarbeit mit den einstigen Kritikern? Und haben Sie erreichen können, was Sie sich vom HZG versprochen haben - mehr Demokratie und Transparenz?

Schulze: So ist das ja oft: Neues und Veränderungen stoßen auf Widerstand. Ich bin jedenfalls sehr zufrieden, wie die Dinge unter dem HZG laufen. Die Offenlegungspflicht bei Drittmitteln ist doch gar kein Thema mehr! Demokratie und Transparenz haben eindeutig gewonnen. Aber wie es auch schon der Vorsitzenden des Wissenschaftsrates, Professor Dr. Manfred Prenzel, im Zuge der HZG-Diskussion 2015 gesagt hat, haben wir als Landesregierung viel für die Zukunftsfähigkeit des Wissenschaftssystems in NRW getan. Trotz Sparzwängen und Schuldenbremsen haben wir die erforderlichen Mehrausgaben für Forschung und Hochschulbildung gegenüber anderen durchgesetzt, damit so die Hochschulen international konkurrenzfähig bleiben. Dazu, darauf hat der Wissenschaftsrat in seiner ,,Empfehlungen zu Karrierezielen und -wegen an Universitäten" hingewiesen, sind auch die Rahmenbedingungen wichtig. Der nordrhein-westfälische Rahmenkodex „Gute Beschäftigungsbedingungen für das Hochschulpersonal" war dabei bundesweit führend, indem insbesondere kurze Befristungen eingedämmt und die Situation der Promovierenden verbessert wurden.

Apropos Drittmittel: Viele Stellen in der Wissenschaft, insbesondere die des wissenschaftlichen Nachwuchses, werden durch Drittmittel finanziert, die allerdings oft nicht auf lange Sicht vergeben werden. So hangeln sich viele wissenschaftliche Hilfskräfte und Mitarbeiter von einem befristeten Zeitvertrag zum nächsten. Mit dem Rahmenkodex „Gute Beschäftigungsbedingungen für das Hochschulpersonal", den Sie vor einem Jahr auf den Weg gebracht haben, soll sich das ändern. Wie fällt diesbezüglich Ihre Zwischenbilanz nach einem Jahr aus, sind Sie mit dem Kooperationswillen der Universitäten und Hochschulen zufrieden? 
Besagter Rahmenkodex begrenzt eine befristete Anstellung auf eine Laufzeit von mindestens einem Jahr. Finden Sie, dass ein Jahr für junge Menschen genug Planungssicherheit für Familienplanung, Häuserbau und Ähnliches bietet?

Schulze: Die Verträge waren zuvor teilweise noch viel kürzer. Dem wollten wir entgegenwirken. Deshalb haben wir auch den Rahmenvertrag für gute Beschäftigungsbedingungen vereinbart. Mit einem bisher einmaligen Schulterschluss haben sich Wissenschaftsministerium, die Hochschulen als Arbeitgeber sowie die Personalräte und Gewerkschaften für die Arbeitnehmer in diesem Jahr auf Maßnahmen verständigt, die Beschäftigungsbedingungen für das Hochschulpersonal in Nordrhein-Westfalen erheblich zu verbessern. Damit haben wir einen riesigen Fortschritt erzielt.

Außerdem müssen wir unterscheiden zwischen Stellen, die der Qualifizierung dienen und bei denen schon deshalb eine Befristung Sinn machen kann und Daueraufgaben. Dazu sollten mehr dauerhafte Stellen im Mittelbau, also jenseits der Professur entstehen.

2017 läuft die zweite Exzellenzinitiative aus, die dritte steht jedoch schon in den Startlöchern: Der Wettbewerb der 2019 beginnenden dritten Exzellenzinitiative startet schon diesen Sommer. Bislang war Nordrhein-Westfalen nach Baden-Württemberg das Bundesland mit den meisten erfolgreichen Förderprojekten - wobei Nordrhein-Westfalen viel mehr Hochschulen und Forschungseinrichtungen hat als Baden-Württemberg. Müsste NRW, wäre es wirklich so spitze in der Spitzenforschung, nicht ganz oben stehen bei den Förderprojekten?

Schulze: NRW ist spitze in der Forschung. Das ist ein Fakt. Es ist aber wenig sinnvoll, bei einzelnen Initiativen, Vorhaben oder Projekten nur die schlichte Anzahl der Maßnahmen zu vergleichen. Dazu weisen die Bundesländer ja auch viel zu unterschiedliche Gegebenheiten und Voraussetzungen auf. 
Wichtig ist, dass man in wichtigen Bereichen weit vorne vertreten ist.

Einige Beispiele kann ich Ihnen gerne nennen:

Bundesweit auf Platz eins ist Nordrhein-Westfalen mit 47 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Sonderforschungsbereichen (SFB).

Auch der Preis des Europäischen Forschungsrates für exzellente Wissenschaft, der sogenannte Nobelpreis der EU (Advanced Grants) ging 2016 zehn Mal nach NRW. Weitere acht Spitzenforscherinnen und -forscher aus NRW haben vom Europäischen Forschungsrat Stipendien, die Consolidator Grants, erhalten. Sie gehören zu den renommiertesten Forschungspreisen weltweit.

Außerdem hat NRW bundesweit die meisten Leibniz-Preisträger. Seit Einführung des höchstdotierten deutschen Förderpreises im Jahr 1985 wurden in NRW 80 Preisträgerinnen und Preisträger ausgezeichnet; gefolgt von Baden-Württemberg (74) und auf Platz drei Bayern (62).

Und nicht zuletzt sind die Hochschulen in NRW für ausländische Studierende attraktiv wie nie - im Studienjahr 2015 sind über 5.500 Studierende mehr als im Vorjahr an die Hochschulen im Land gekommen, um hier für ein oder zwei Auslandssemester zu studieren.

Die Ruhr-Universität Bochum hat den Sprung zur „Elite-Uni" bei den vergangenen beiden Exzellenzinitiativen knapp verpasst. Was glauben Sie, woran das lag - und stehen die Chancen nun vielleicht besser?

Schulze: Das ist ein wissenschaftsgesteuertes Verfahren. Es wird nicht von der Politik entschieden. Ich glaube aber, dass die Ruhr Universität insgesamt eine sehr gute Hochschule ist, unabhängig davon, ob sie nun zum Kreis der sogenannten Elite-Unis gehört oder nicht. Die RUB hat dies in vielfältiger Weise bewiesen - wie, um nur ein Beispiel zu nennen, durch den Exzellenzcluster RESOLV.

Das Ruhrgebiet ist die dichteste Hochschullandschaft Deutschlands, sogar von ganz Europa. Neben den fünf Universitäten - der Universität Duisburg-Essen, der Ruhr-Universität Bochum, der Technischen Universität Dortmund, der privaten Universität Witten-Herdecke und Deutschlands einziger Fernuniversität mit Sitz in Hagen - gibt es hier noch mal mehr als drei Mal so viele Fachhochschulen und viele andere renommierten außeruniversitäre Forschungsinstitute, darunter drei Max-Planck-Institute (eines in Dortmund und zwei in Mühlheim), die vier Fraunhofer-Institute (in Oberhausen, Duisburg und zweimal in Dortmund) und mehrere Leibniz-Gemeinschaften. Dabei sind all diese Universitäten und Einrichtungen noch verhältnismäßig jung - angefangen hat alles mit der Gründung der RUB im Jahr 1962, nur wenige Jahre nach der Kohlekrise. Inwieweit sind Wissenschaft und Forschung eine treibende Kraft im Strukturwandel der Region?

Schulze: NRW ist eines der Bundesländer, die vom Strukturwandel und den damit verbundenen Umwälzungen in der Arbeitswelt besonders betroffen waren. Dieser Strukturwandel ist an vielen Stellen gut gelungen. Viele erfolgreiche Unternehmen unterschiedlichster Branchen haben ihren Sitz bei uns. Die Entscheidung, die Hochschulen hier anzusiedeln, war damals, entgegen allen Widerstände, genau richtig. NRW ist heute längst eine ausgewiesene und profilierte Wissenschaftsregion. Hier gestalten viele exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und viele tausend Studierende ihre eigene und unsere Zukunftsgesellschaft.

Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind im Ruhrgebiet nicht mehr wegzudenken. Inzwischen arbeiten hier rund 75.000 . Beschäftigte in der Wissenschaft. Gleichzeitig stellen die Hochschulen eine Brücke zwischen Industrie und Wissenschaft, Tradition und Zukunft dar. Ein positives Beispiel hierfür ist der Technologiepark Dortmund.

Bildung und Wissenschaft sind für die Zukunft Nordrhein-Westfalens deshalb von größter Bedeutung. Die Landesregierung setzt hier auch klare Schwerpunkte: Unser Haushaltsplan für 2016 wurde um rund 430 Millionen Euro auf die Rekordhöhe von 8,2 Milliarden Euro erhöht. Das ist eine enorme Anstrengung dieses Landes. Der Zuwachs konzentriert sich auf eine weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen für Lehre und Studium an den Hochschulen.

Die vielen Studierenden bringen aber nicht nur viele innovative Ideen voran - sie sind auch ein wichtiger Geldfaktor für die klammen Städte. Während die Forschung und universitäre Ausbildung im Ruhrgebiet floriert, sieht es in den ländlicheren Regionen Westfalens vor allem hinsichtlich der Medizinerausbildung eher mau aus. Dabei wird die Universität Bielefeld keine eigene medizinische Fakultät bekommen. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung der Landesregierung?

Schulze: Die Einrichtung und der Unterhalt einer medizinischen Fakultät wäre sehr teuer. Wir sprechen hier von Einrichtungs- und Baukosten von bis zu einer Milliarde Euro und jährlichen Kosten von 100 Millionen. Außerdem haben wir keinen Ärztemangel. Wir haben eine Überversorgung in der Stadt und eine Unterversorgung auf dem Land. Einer von zehn Absolventen entscheidet sich für einen Weg zum Arzt für Allgemeinmedizin. Und selbst davon wird nur ein geringer Teil Landarzt. Wir brauchen also nicht mehr Absolventen, sondern mehr, die sich nach ihrem Studium für eine Tätigkeit als Landarzt entschieden. Hier ist die kassenärztliche Vereinigung aufgerufen, tätig zu werden. Sinnvoll wären hier unter anderem eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Allgemeinmediziner und mögliche Weiterbildungen nach der Approbation.

Auch der Wissenschaftsrat ist ja schon vor geraumer Zeit zu der Einschätzung gekommen, dass die regionalen Verteilungsprobleme bei der ärztlichen Versorgung nicht über neue Ausbildungskapazitäten gelöst werden können.

Stattdessen kommt nun das sogenannte Bochumer Modell dezentraler Universitätskliniken, das Medizinstudierende für ihre klinischen Semester an Kliniken in Ostwestfalen locken soll. Kann man mit diesem Projekt, auf lange Sicht gesehen, dem Ärztemangel in den ländlichen Regionen des Landes entgegenwirken?

Schulze: Wir haben uns für das bewährte Bochumer Modell entschieden. Wir haben die Impulse aus der Region aufgegriffen und das vorhandene System der Medizinerausbildung angepasst. Dies hat zwei Vorteile: eine überschaubare finanzielle Belastung und die Möglichkeit der flexiblen Weiterentwicklung. Die Landesregierung unterstützt dies dauerhaft mit zusätzlich bereitgestellten Landesmitteln in Höhe von rund sechs Millionen Euro pro Jahr.

Ab dem Wintersemester 2016/17 beginnen die ersten 60 Studierenden ihre klinische Ausbildung bei den vier neuen Kooperationspartnern in Ostwestfalen-Lippe (OWL). Das wird in der Folge jedes Jahr so sein. Die Studierenden werden den klinischen Teil ihres Medizinstudiums - und nachfolgend vermutlich auch ihr Praktisches Jahr - in der Region absolvieren. Wir setzen dabei auf den sogenannten Klebeeffekt. Ich hoffe, dass sich die jungen Menschen so wohl fühlen, dass sie nach ihrem Abschluss auch in der Region ärztlich tätig werden.

Doch nicht nur Mediziner fehlen auf dem Land. Während die Wirtschaft in Südwestfalen einen Boom erlebt, fehlen dort zusehends Fachkräfte. Wie kann eine Lösung dieses Problems seitens der Hochschulen in Angriff genommen werden?

Schulze: Nach einer Prognos-Berechnungen droht in NRW bis 2020 eine Lücke von 630.000 Fachkräften, sowohl beruflich Qualifizierte als auch Akademiker. Das ist nicht nur ein Problem der Wirtschaft, denn unser Wohlstand basiert grundsätzlich auf Innovationskraft. Für die Wissenschaftspolitik ist daher ein Punkt zentral: Alle Talente heben! Wir müssen möglichst allen jungen Menschen eine Ausbildung oder ein Studium ermöglichen - je nach Interessen und Begabung. Hier setzt beispielsweise auch unser Talentscouting-Programm an, das begabte Schülerinnen und Schüler aus Nichtakademiker- und Zuwandererfamilien auf dem Weg zu einem erfolgreichen Studium unterstützt. Wir haben das Programm um weitere sechs Ruhrgebietshochschulen ausgebaut und ein NRW-Zentrum für Talentförderung gegründet.

Auch das Bild von einem Kampf um die Talente zwischen Master und Meister ist ein Zerrbild: Wir brauchen beides! Das Gerede vom „Akademisierungswahn" geht am eigentlichen Ziel - der Bekämpfung des Fachkräftemangels -vorbei! Für den einen passt der Master, für den anderen der Meister, für den nächsten ein anderer Weg. Es kommt nicht auf den Ausbildungsgang an, sondern auf die erworbene Qualifikation. Wir müssen Talente bestmöglich finden und fördern. 

Wichtig ist dabei die Durchlässigkeit zwischen den Systemen. Ein einmal eingeschlagener Weg darf nicht bedeuten, dass ein anderer Weg verschlossen bleibt oder nur mit großen Reibungsverlusten gegangen werden kann. So ist in NRW auch ein Studium ohne Abitur möglich, übrigens sind wir auch hier bundesweit führend. Wichtig ist aber auch die Anerkennung von Qualifikationen aus der Hochschule beim Berufseinstieg. Außerdem setzt sich immer mehr durch, dass strikte Trennung zwischen akademischer und beruflicher Welt aufgegeben werden muss. Positive Beispiele sind hier die Kombination von beruflicher Ausbildung und Studium wie duale Studiengänge.

Das Wissenschaftsministerium finanziert in diesem Bereich ein ganzes Maßnahmenpaket „Erfolgreich studieren". Es umfasst 14 Schritte von Studien- und Berufsberatung über Maßnahmen mit Blick auf die Vielfalt der Studierenden bis hin zu guter Lehre. Eine der bekanntesten Maßnahmen ist das Talentscouting.

Flankiert wird dies vom anfangs angesprochenen HZG. Zum Beispiel gibt es immer mehr Studierende, die neben dem Studium ein Kind betreuen oder berufsbegleitend studieren. Für diese Fälle haben wir die Flexibilität im Studium erhöht, indem wir zum Beispiel die Anwesenheitspflicht abgeschafft haben oder ein Studium in Teilzeit ermöglichen. Mit einer individualisierten Regelstudienzeit können die Hochschulen zudem künftig auf die besonderen Lebenssituationen der Studierenden eingehen.

Die Gründung des CARE-Instituts für Arzneimittelforschung in Münster ist gescheitert. Stattdessen gibt es nun in Bayern ein solches CARE-Institut (Centrum für Angewandte Regenerative Entwicklungstechnologien), allerdings für die Stammzellenforschung. Was ist dort besser gelaufen als hier? Hätten Sie mehr für die Unterstützung dieses Projekts tun können?

Schulze: Wir hätten das CARE-Projekt von Herrn Prof. Schöler sehr, sehr gerne gefördert. Am Ende war es aber leider aus haushaltsrechtlichen Gründen schlicht und einfach unmöglich, eine Zuwendung zu gewähren. Für die Landesregierung sind Recht und Gesetz im Übrigen keine Frage der Risikoabwägung oder des politischen Wollens. Wir reden hier ja von Steuergeld, das dafür eingesetzt worden wäre.

Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte hat bei der Prüfung des Antrags der CARE gGmbH i.G. auf institutionelle Förderung festgestellt, dass die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Gesamtkonstruktes nicht gegeben war. Der Antrag ließ Finanzierungsrisiken, Risiken der Wirkstoffentwicklung sowie Entwicklungs- und Vermarktungsrisiken bei den Zelllinien unberücksichtigt.

So hätte die CARE GmbH im Jahr 2023, am Ende des Planungszeitraumes, bei Eintreten der Planzahlen laut Wirtschaftsprüfern umgehend Insolvenz anmelden müssen. Zudem hatte Deloitte Bedenken, ob die Förderung dieses beantragten Konstruktes mit dem EU-Beihilferecht vereinbar ist.

In NRW seinerzeit und jetzt in Bayern handelt es sich unter dem Titel CARE im Übrigen um grundsätzlich unterschiedliche Förderanträge. In Bayern beantragt die CARE GmbH eine 3-jährige Projektförderung. In NRW beantragte die CARE gGmbH eine institutionelle Förderung mit einer Zeitperspektive von zehn Jahren. Es ist hier wie bei Äpfel und Birnen: Beides ist Obst, aber doch nicht dasselbe.
Herr Prof. Schöler bleibt als Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin mit seiner Arbeitsgruppe weiterhin in Münster aktiv. Er ist ein höchst renommierter Wissenschaftler im Bereich der Stammzellforschung in NRW. Das Wissenschaftsministerium NRW ist überzeugt, dass sich somit die Grundlagenforschung an iPS-Zellen am Standort Münster weiter positiv entwickeln kann.

Westfalen ist gegenüber dem Rheinland hinsichtlich der Anzahl an Einrichtungen der Spitzenforschung stark benachteiligt. Im Rheinland gibt es zum Beispiel elf Max-Planck-Institute, in Westfalen nur zwei. Im Rheinland gibt es zwei Helmholtz-Gemeinschaften, in Westfalen keine einzige. Hier gibt es drei Leibnitz-Institute, im Rheinland mehr als doppelt so viele. Auch haben wir hier nur eine Universitätsklinik - in Münster - während es im Rheinland fünf an der Zahl sind. Wie wollen Sie dieses Ungleichgewicht beseitigen?

Schulze: Grundsätzlich gilt für ganz Deutschland: Ansiedlungsentscheidungen von Forschungseinrichtungen werden von Bund und Ländern gemeinsam getroffen und folgen langfristigen Entwicklungsstrategien. Ausgangspunkt ist stets das Vorhandensein fachlicher Exzellenz in relevanter Größenordnung an einem oder mehreren im nationalen Wettbewerb miteinander stehenden Standorten.

Die Entwicklung in Westfalen ist in den letzten Jahren auffällig gut. Zum Beispiel wird die Fraunhofer-Gesellschaft höchstwahrscheinlich noch in diesem Jahr entscheiden, dass die Fraunhofer-Einrichtung für Entwurfstechnik Mechatronik IEM in Paderborn den Status eines Fraunhofer-Institutes erhält. Das ist eine Entscheidung mit bundesweiter Strahlkraft. Schon seit längerem hat es kein neues Fraunhofer-Institut mehr gegeben, jetzt kommt es nach Paderborn. Und: Die drei Anwendungszentren der Fraunhofer-Gesellschaft in Lemgo, Soest und Hamm entwickeln sich außerordentlich vielversprechend.

Oder: 2014 wurde das Helmholtz-Institut für Energiespeicherung in Münster gegründet und hat seinen Betrieb aufgenommen. Apropos Münster: Allein an diesem Wissenschaftsstandort investiert das Land zwischen 2010 und 2020 für Universität, Fachhochschule, Universitätsklinikum, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Studierendenwerk 1,3 Milliarden Euro. Benachteiligung sieht da nun wirklich anders aus. Das wird von den Akteuren vor Ort ja auch bestätigt. Die Rektorin der Uni Münster hat beim Neujahrsempfang der Stadt sehr deutlich gemacht, was sie von den endlosen Debatten über die vermeintliche Benachteiligung Westfalens gegenüber dem Rheinland hält: Sie könne das nicht mehr hören, hat sie gesagt.

Zurzeit wird darüber diskutiert, wo eine neue wissenschaftliche Einrichtung für Angewandte Literaturwissenschaft etabliert werden soll - in Köln oder Münster. Was ist Ihr Favorit?

Schulze: Es ist ja zum Glück nicht so, dass es bei solchen Entscheidungen darauf ankommt, was ein Minister oder eine Ministerin gerne hätte und dann nach Gutsherrenart entschieden wird, wo ein solcher Studiengang etabliert wird. Das ist ein wissenschaftsgetriebener Prozess - Stichwort Wissenschaftsfreiheit - und erst recht in diesem Fall, der noch etwas komplizierter ist. Anders als für alle anderen Kunstsparten gibt es für die Literatur kaum Möglichkeiten, einen künstlerischen akademischen Abschluss zu erreichen. Die Literaturszene formuliert aber seit Jahren immer wieder ihren Bedarf nach einem eigenen künstlerischen Studiengang. Das Kulturministerium, das hier übrigens federführend ist, setzt sich zusammen mit dem Wissenschaftsministerium dafür ein, ein solches Studienangebot in NRW zu schaffen und führt mit vielen potenziellen Partnern darüber Gespräche.

Kulturpolitisch ist es uns wichtig, vorhandene Einrichtungen des literarischen Lebens einzubeziehen. Dabei kann zum Beispiel Burg Hülshoff eine attraktive Bereicherung sein.

Weil wir eine künstlerische Ausbildung anstreben, haben wir nicht die Universitäten, sondern die Kunstakademie Münster und die Kunsthochschule der Medien in Köln eingeladen, uns ein erstes Grobkonzept vorzulegen. Die Universitäten sind allerdings mögliche Kooperationspartner und somit mit im Boot.

Unabhängig davon, ob es am Ende Münster oder Köln wird, steht fest: In beiden Städten gibt es bereits eine lebendige Literaturszene, die ihrerseits eine Bereicherung für das Studium sein kann. Ich halte viel davon, dies zu nutzen und nicht in ein „wir gegen die" zu verfallen, aus dem dann Gewinner und Verlierer hervorgehen. Das wäre nicht gut für die Literaturszene in NRW und auch kein guter Stern, unter dem eine solche Einrichtung starten würde.

Ein weiteres Thema, das nie aus den Medien verschwindet, ist „Frauen, Familie und Karriere". Der Gender-Report des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW hat vor einigen Jahren gezeigt, dass vor allem auf der höheren universitären Ebene -bei den Promotionen, Habilitationen und Professuren - die Universitäten des Landes in ihrer Frauenquote im Bundesdurchschnitt unterdurchschnittlich abschnitten. Zwar hat sich seitdem ein bisschen was getan, aber von einer geschlechtergerechten Hochschullandschaft ist man auch heute noch weit entfernt. Kann man dieses Ziel überhaupt erreichen? Und wenn ja - mit welchen Mitteln?

Schulze: Die Landesregierung setzt sich in besonderem Maße für mehr Geschlechtergerechtigkeit an unseren Hochschulen ein. Die Ergebnisse des letzten Gender-Reports und die Diskussionen rund um den Gender-Kongress haben gezeigt, dass dieser Einsatz Früchte trägt. Nach zweieinhalb Jahren Laufzeit hat das Landesprogramm für geschlechtergerechte Hochschulen breite Akzeptanz und eine erfreuliche Nachfrage gefunden.

Diesen Weg werden wir konsequent fortsetzen und wir werden auch weiterhin - gemeinsam mit den Hochschulen - die Geschlechtergerechtigkeit im Wissenschaftssystem voranbringen. Dazu haben wir die Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und die Förderung der Genderforschung neu ausgeschrieben. Gleichzeitig wurde der Sockelbetrag zur Gleichstellungsförderung, der sich bewährt hat, mit einem Fördervolumen von rund 3,5 Millionen Euro beibehalten und weitergeführt.

Auf Ihrer Website schreiben Sie: „Ein Studium bereitet tatsächlich nicht nur auf einen Beruf vor." Was haben Sie, neben dem fachlichen Wissen, aus Ihrem Studium mitgenommen?

Schulze: Vor allem die Fähigkeit, wissenschaftlich und systematisch an Fragestellungen und Probleme heranzugehen, um auch komplexe Sachverhalte zu verstehen und gleichzeitig immer neue Betrachtungsweisen zuzulassen. Diese analytische Fähigkeit ist in einem geisteswissenschaftlichen Studium sehr wichtig und ist in vielen beruflichen Bereichen sehr gefragt. Auch sachlich zu diskutieren, zu argumentieren und zu präsentieren sind Fähigkeiten, die in einem geisteswissenschaftlichen Studium intensiv geschult werden. Dies kann ich auch heute noch in meiner täglichen Arbeit gut nutzen.

Wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch.