Interview mit dem Talenteförderer der WFH, Suat Yilmaz

Das Bild zeigt Suat Yilmaz.
Suat Yilmaz war der erste Talentförderer in Deutschland. In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat er mehr als 500 Schülerinnen und Schüler im Ruhrgebiet beraten. (Foto: WFH)

Herr Yilmaz, Sie sind Deutschlands erster Talentscout. Wie muss man sich Ihren Arbeitsalltag vorstellen?

Gemeinsam mit meinen Teamkolleginnen und -kollegen bin ich täglich in den Schulen des Ruhrgebiets unterwegs – von Gelsenkirchen-Schalke bis Essen-Borbeck und von Gladbeck bis Herne. Dabei treffen wir die Marios, Vanessas, Tunas und Zaynabs, in deren Umfeld Erfolg nicht so wahrscheinlich ist und deren Träume und Visionen seltener Beachtung finden. Wenn sie mit diesen jungen Menschen sprechen, begreifen sie schnell, dass gerade in unserem Land nicht nur Vermögen sondern auch Chancen zur Teilhabe an Bildung vererbt werden. Wir treffen auf Jugendliche, die ein Zimmer mit mehreren Geschwistern teilen, keinen Internetanschluss und keinen PC besitzen, nach der Schule im Haushalt helfen, arbeiten gehen, erst nach 21 Uhr für die Schule lernen können und dabei einen Notendurchschnitt von 2,5 schaffen. Die haben richtig Power, das sind Leistungsträger oder eben echte Talente!

Und wie funktioniert das Talentscouting in der Praxis?

Wir begleiten Schülerinnen und Schüler ab der zehnten oder elften Klasse kontinuierlich bis zum Fachabitur oder Abitur. Für jedes Talent stimmen wir gemeinsam individuelle Förderpläne ab. Im Rahmen regelmäßiger Entwicklungsgespräche und einer kontinuierlichen Kommunikation auch über E-Mail, Facebook oder WhatsApp verfolgen und reflektieren wir gemeinsam den individuellen Orientierungsprozess. Und wir machen intensive Elternarbeit. Wir beraten vor Ort Eltern in den Schulen oder in Kulturvereinen.

Und was treibt Sie und Ihre Kollegen an?

Wir versuchen, die Talente so vieler junger Menschen wie möglich auch zur Entfaltung zu bringen. Nur wenn das Potenzial von jungen Menschen die einzige Währung ist und nicht der Geldbeutel, der Status, die Religion oder die Herkunft der Eltern, werden wir in Zukunft von Bildungsgerechtigkeit sprechen können. Deshalb ist der Entschluss der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen ein Zentrum für Talentförderung aufzubauen und so das Talentscouting in die Breite zu tragen, auch eine besondere Anerkennung für unsere Arbeit – und natürlich auch für die Power und das Potenzial der jungen Menschen im Ruhrgebiet!

1975 in Tercan/Türkei geboren, kam Suat Yilmaz 1978 mit seiner Familien nach Oberhausen. Er studierte an der Ruhr-Universität Bochum Sozialwissenschaften und war danach in verschiedenen Funktionen in der Kinder- und Jugendarbeit beschäftigt. Seit 2011 koordiniert er die Talentförderung an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen.